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Food Tips

Wie individualisiere ich meine Ernährung?

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Ernährung – Wie finde ich raus was richtig für mich ist?

 

Wie finde ich raus, was die beste Ernährungsform für mich ist? Es gibt viele Experten, die zu der einen oder zu der anderen Ernährungsform raten. Freunde, Familie, alle haben eine Meinung dazu, aber wie finde ich raus, was für mich das Beste ist? Weil wir können uns ja, glaube ich, einig sein, dass wir nicht alle das Gleiche essen können. Wir sehen alle unterschiedlich aus, haben unterschiedliche Körperkompositionen, unterschiedliche Knochen, Muskeln, Organgewebe, Fett. Wir sehen nach außen unterschiedlich aus. Unterschiedlich große Nase, manchmal mehr, machmal weniger Haare und auch nach innen sehen wir halt unterschiedlich aus. Manchmal haben wir so eine Magenform, manchmal haben wir so eine Magenform, manchmal ist unser Darm so lang, manchmal ist er so lang und auch die Biochemie bei uns sieht anders aus. Wir haben eine andere Anzahl von Enzymen.

 

Roger Williams hat ein sehr, sehr entscheidendes Buch geschrieben. Das heißt Biochemische Individualität, wo er nicht nur die anatomischen Unterschieden vom Magen-Darm-Trakt festgehalten hat, sondern auch die biochemischenUnterschiedevon verschiedenen Enzymgehalten. Zum Beispiel das Enzym Pepsin, was dafür verantwortlich ist, Proteine aufzuspalten, kann zehntausendfachschwankenvon einem zum anderen Individuum. Ich kann also in der Lage sein, zehntausendfach mehr Pepsin zu haben als mein Nebenmann. Natürlich werde ich besser mit einer proteinreichen Ernährung klarkommen als er. Und wir haben halt auch einen komplett unterschiedlichen genetischen Background. Manche – genetisch gesehen – sind vielleicht Eskimos und haben sich genetisch gesehen von Fisch und Fett ernährt und manche haben sich genetisch gesehen aus Süd-, Westindien von Mangos, Bananen und Kokosnüssen ernährt.

 

Es gibt also diese verschiedenen Gründe, warum wir komplett unterschiedlich uns ernähren sollten, aber wie finden wir jetzt raus, was für uns das Beste ist? Können wir einfach eine Gentestmachen? Ja, können wir machen. Ein Gentest gibt uns zumindest mal die grobe Richtungvor. Die Genetik ist wie so eine breite Straße, wie so eine achtspurige Autobahn, wo wir immer noch entscheiden können, ob wir auf der linken oder rechten Spur fahren oder auf der mittleren, aber wir müssen halt immer auf dieser Straße fahren. Bedeutet zum Beispiel: Ich bin mit einer Genetik zur Welt gekommen, die mir gesagt hat: „Gerrit, du wirst irgendwas zwischen 1,88m und 1,98m groß“. So, ich habe jetzt mein Leben so gelebt oder auch meine Mutter hat ihr Leben so gelebt und ich habe mein Leben so gelebt. Wie ich mich ernährt habe, wie ich mich bewegt habe, was am Ende dazu geführt hat, dass ich jetzt 1,94m groß bin. Und genauso trifft es auch auf alle anderen Sachen in unserem Leben zu. Manche Leute sind für eine gewisse Muskelmasse gemacht, aber wenn sie nicht trainieren, dann werden sie am unteren Limit dieser gewissen Muskelmasse sich befinden. Und genauso trifft das halt auch auf alles andere zu. Wenn wir genetisch für eine zelluläre Enzymkomposition gemacht werden, dass wir eher Kohlenhydrate vertragen, ist das auch in einem gewissen Maß über unseren Lebensstil variierbar.

 

Was es jetzt zellulär mit diesem Gentest auf sich hat, würde ich an einem einfachen Beispiel von einer produzierenden Lagerhalle oder von einer Produktionsstätte euch verdeutlichen. Stellt euch vor, wir haben vier Stationen in einer Produktionsstätte. Station eins ist für die Verarbeitung von Fetten zuständig, Station zwei für die Verarbeitung von Proteinen, Station drei Kohlenhydrate, Station vier Vitamine und Mineralstoffe. Einfach nur der Einfachheit halber. Manche von uns haben jetzt an Station eins 20 Arbeitsplätze. Manche haben an Station zwei fünf Arbeitsplätze, während andere dort 30 haben. Genauso an Station eins. Wir können zwischen eins und 30 Arbeitsplätze haben. Und genauso für Station drei und Station vier. Sagen wir mal, ich wäre jetzt jemand, ich habe an Station eins 20 Arbeitsplätze für Fettverarbeitung. An Station drei für Kohlenhydrateverarbeitung allerdings nur einen. Du bist genau umgekehrt. Du hast vielleicht für Fettverarbeitung nur einen Arbeitsplatz und für Kohlenhydrateverarbeitung hast du 20 Arbeitsplätze. Wir sollten nicht das Gleiche essen. Wenn wir beide uns kohlenhydratreich ernähren, dann geht es dir super und mir nicht. Wenn wir uns beide fettreich ernähren, dann geht es mir super und dir nicht. Wenn ich mich fettreich ernähre, habe ich 20 Arbeitsplätze für Fette. Fett fließt einfach durch. Viel Fett, viel Arbeiter. Ich habe einen guten Flow. Genauso bei Kohlenhydraten. Wenig Arbeiter für Kohlenhydrate, wenig Kohlenhydrate, guter Flow. Wenn ich mich jetzt allerdings kohlenhydratreich und fettarm ernähren würde, hätte ich hier die ganzen Kohlenhydrate für diesen einen Arbeiter. Der kommt mit dem ganzen Zeug nicht klar. Der ist total überarbeitet, ist sauer, Kohlenhydrate stauen sich an, keine Energie kommt unten an. Ich fühle mich also energetisch platt und mein System ist überladen. Ich habe Stress. Ich habe biochemischen Stress, der sich auch in hormonellem Stressäußert irgendwann. Habe keine Energie und das ist meine Situation, wenn ich zellulär nicht die optimale Ernährung für mich habe.

 

Ok, dann kann doch die einfache Antwort sein: „Lass uns doch einfach einen Gentest machen“. Ja, wie gesagt, es kann eine grobe Richtung geben, wir haben allerdings noch ein paar Gene, die dadrüber abgehen. Ebene Nummer eins, die dadrüber abgeht, ist das Mikrobiom. Das ist unsere Darmflora. Wir leben in Symbiose mit ganz vielen anderen Mikroorganismen. Bei meinem Körpergewicht von ungefähr 94kg, 95kg muss ich davon ausgehen: 2kg bis 3,5kg von meinem Körpergewicht sind einfach Bakterien. Die leben auf meiner Haut, die leben in meinem Mund, die leben aber vor allen Dingen auch in meinem Dickdarm. Und die sind mit dafür verantwortlich, wie Nahrungsmittel verstoffwechselt werden. Die sind mit dafür verantwortlich, wie gut ich mit verschiedenen Nahrungsmitteln klarkomme.

 

Eine Sache, die ich oft sehe und spannenderweise meistens bei Mädels – also ich komme da über Sportler, mit denen ich zusammenarbeite, kommen dann oft die Spielerfrauen zu mir uns sagen: „Hey, kannst du mir vielleicht auch mal bei meiner Beschwerde helfen?“. Die haben oft eine Situation, wo das Mikrobiom, die Darmflora, so verschoben ist, dass sie bestimme Gemüse und Fruchtformen nicht vertragen. Äpfel, Birnen, Melonen, für manche sind es Bananen, Avocado, bei den Gemüsen sind es für manche die Zwiebeln, die Pilze, Auberginen, Paprika und Brokkoli, Blumenkohl. Also eigentlich top Nahrungsmittel für manche zellulär, aber irgendwie beschwert sich das Mikrobiom dagegen. Was da oft die Situation ist, dass die Darmflora sich ein bisschen in den Dünndarm vorgewandert hat und dort die Bakterien schon anfangen, diese Nahrungsmittel zu fermentieren, gären. Das heißt, sie essen dann vielleicht einen Apfel, da sind dann aber Bakterien, die Apfelfermentation betreiben schon in Dünndarm, also relativ früh im Verdauungstrakt. Ich esse einen Apfel, auf einmal kriege ich Blähungen oder Durchfälle relativ schnell innerhalb der ersten 45 Minuten. Scheiße, ich vertrage keinen Apfel. Ok, ok, ok, vielleicht ist der Apfel aber das Beste für dich zellulär. Das absolut Beste ist für dich zellulär Apfel, aber da du gerade diese Mikrobiom-Verschiebung hast, beschwert sich das Mikrobiom, obwohl es eigentlich das Beste für dich zellulär wäre.

 

Ok, man müsste einen Gentest (hier mein Podcast mit Genetiker Benjamin Seibt zu dem Thema) machen, man müsste aber vielleicht auch einen Mikrobiomtest machen. Ok, Gentest 600€. Machen wir noch einen Mikrobiomtest, auch noch mal 400€, 500€. 1.100€. Ok, jetzt müssen wir auch die Antwort haben. Nein, nein, nein, weil es gibt noch ein paar andere Systeme und Ebenen, die da mitschwingen. Eine will ich euch noch erklären. Und das ist die Ebene des Immunsystem. Eine von vielleicht 12, 13, 14, worüber ich reden könnte, und vielleicht noch 50 anderen, die ich selber noch gar nicht kenne. Aber lasst uns noch über das Immunsystem reden. Das Immunsystem sorgt dafür, dass wir von der Außenwelt beschützt werden. In der Außenwelt sind die ganze Zeit Dinge, die uns konfrontieren, wo das Immunsystem entscheiden muss: „Ist das gut oder nicht gut?“. Unser Immunsystem muss darüber entscheiden, wenn wir irgendwas in den Mund nehmen: “Wollen wir das wieder ausspucken oder wollen wir es angreifen immunologisch? Wollen wir mit einer Entzündung darauf reagieren oder wollen wir das einfach normal verdauen lassen?“, und bei manchen Dingen sagt das Immunsystem: „Ok, alles klar. Lasst uns das Ganze normal verdauen“, und bei manchen Substanzen sagt das Immunsystem: „Nein, kommt mir nicht in die Tüte“.

 

Eine davon ist zum Beispiel Gluten. Gluten ist ja der Weizenkleber oder Getreidekleber, der uns ermöglicht, aus Getreiden Brot oder Nudeln zu machen. Und selbst bei glutenfreiem Brot oder Nudeln ist trotzdem eine glutenartige Substanz drinnen. Der Weizenkleber oder dieser Getreidekleber ist wie gesagt das, was es uns ermöglicht, überhaupt Brot und Nudeln daraus zu machen. Das heißt, wenn man Brot und Nudeln daraus machen kann, ist Gluten oder eine glutenartige Substanz mit drinnen. Unser Immunsystem freut sich nicht immer sehr über diese Substanzen. Für manche ist das gar kein Problem. Hat ein bisschen was damit zu tun, wann evolutionär Ackerbau und Getreidebau betrieben wurde. In machen Kulturen wurde es vor 12.000 Jahren schon gemacht, in machen erst vor 4.000 Jahren, deswegen gibt es halt so 8.000 Jahre Vorsprung für machen Leute evolutionär mit Gluten umzugehen und die kommen dann besser damit klar.

 

Ok, bin ich jetzt jemand, der damit klarkommt oder nicht? Man kann auch da wieder Tests machen. Man kann einen Zonulin-Testmachen, man kann verschiedene andere Tests machen, um zu kucken, wie man mit Gluten klarkommt. Man kann auch einen genetischen Test machen. So, das wären wieder ein paar hundert Euro extra. Die Frage ist also jetzt: Wie finde ich für mich raus, was das Beste ist? Weil ich habe ja die Ebene zellulär. Was zellulär für mich das Beste? Was ist mikrobiotisch für mich das Beste? Was ist immunologisch für mich das Beste? Und es gibt mehrere Wege.

 

Ich glaube, der eine Weg ist es, alle Test zu machen, mehrere tausend Euro hinzulegen und dann eine Richtung zu haben. Nachteil sehe ich dabei: Selbst wenn wir jetzt auf zehn Ebenen testen, gibt es immer noch 20, die wir vielleicht alle noch gar nicht kennen. Dann die andere Option ist es, mit einem Experten zusammenzuarbeiten, mit einem Ernährungscoach, der über das Gespräch und über die Klinik, das heißt, über die Symptome oder über die Berichte, die du einem Experten berichtest, kann er sich das Puzzle zusammenfügen aus seiner Erfahrung, kann sagen: „Ok, alles klar. Ich verstehe. Du reagierte darauf, aber das liegt am Mikrobiom. Ok, alles klar. Da hast du Probleme. Da hast keine Energie, aber, genau, das ist eher eine Verdauungssache, also die mechanische Verdauungssache. Das hat erst mal nichts mit dem Immunsystem zu tun“, das heißt, er kann das Puzzle zusammenfügen und kann es für dich interpretieren. Nachteil auch dabei ist: Das ist ein Kostenfaktor. Ich kann es mir sehr schwer vorstellen, an den richtigen Menschen zu geraten, mit dem man dann zusammenarbeiten kann.

 

Die dritte Option ist, dass man selber Try and Errorbetrachtet und selber Try and Error, das wir immer so – das ist jetzt die schäbigste Option von allen. Ganz ehrlich? Ich glaube, wenn man sich es erlauben kann und wenn ich sage: „Wenn man sich es erlauben kann“, meine ich: Wenn man nicht in einem so massiv schlechten Zustand ist, dass Try and Error keine Option mehr ist. Es gibt manche Leute, die sind so schwer krank ernährungsbedingt, dass Try and Error keine Option mehr ist. Es gibt keine Zeit mehr oder es gibt keine regenerativen Ressourcenmehr, noch Dinge auszuprobieren. Vielleicht auch emotional ist der Tank einfach leer. Aber wenn du in einer Position bist, dass du Try and Error probieren kannst, ist es meiner Meinung nach die beste Form, wenn wir über echtes Essen reden. Wenn wir über echtes Essen reden, gibt es meiner Meinung nach kein Try and Error Versuch, der mehr Risiko bürgt als er Nutzen haben kann.

 

Warum ich da halt den Wert sehe bei Try and Error ist: Wir haben dadurch halt die Gesamtsumme über das, wie wir uns fühlen mit einem Nahrungsmittel, haben wir die Gesamtsumme aus allen Ebenen. Auch aus den Ebenen, die wir rational noch gar nicht kennen oder verstehen. Das heißt, wenn du jetzt eine Ernährungsform für dich probierst – zum Beispiel du probierst für dich, kohlenhydratarm zu leben, dann wirst du über die Wochen und Monate, wo du das machst, einen Erfahrungsschatz haben von ganz subtilen Gefühlen und Emotionen und Dingen, die du durchlebst, woraus du unglaublich viel lernst.

 

Und für mich gibt es halt immer einen Unterschied zwischen Wissen und wirklich erleben. Und wenn du wirklich einmal eine Sachen erlebt hast, dann ist es echtes Wissen, dann bist du nicht mehr davon abzubringen von diesem Wissen, weil du es wirklich, wirklich, wirklich für dich erlebt hast. Wenn du noch nicht Try and Error betrieben hast, dann kann ich dir sagen: „Iss Kohlenhydrate. Das ist das Beste für dich“, und vielleicht wirst du mir glauben, dann kommt aber der nächste an und sagt: „Nein, nein, nein, iss Fette. Das ist das Beste für dich“, und vielleicht wirst du ihm dann glauben, weil er überzeugender ist als ich, aber am Ende des Tages geht es doch gar nicht darum, dass man sich von irgendwelchen anderen Leuten überzeugen lässt. Am Ende des Tages geht es doch für mich darum, rauszufinden: Was ist für mich persönlich das Beste? Und deswegen ist Try and Error für mich im Bereich Ernährung, wenn man die Ressourcen dafür hat, im Sinne von emotionale und physische und zeitliche Ressourcen, Try and Error auszuprobieren, die beste Ernährungsfindung.



 

Das ist übrigens auch wissenschaftlich der Goldstandardfür die Diagnostik von Nahrungsmittelallergien. Bei all den Labortest, die es gibt für Nahrungsmittelallergien, der Goldstandard, die beste Art und Weiseeine Nahrungsmittelallergie festzustellen, ist es, alle potenziellen Allergene rauszunehmen und dann langsam Woche für Woche ein Nahrungsmittel nach dem anderen wieder einzuführen. Das nennt sich die Eliminationsdiät. Das ist wissenschaftlich der Goldstandard, die beste Diagnostikfür Nahrungsmittelallergien und meiner Meinung nach ist Try and Error der Goldstandard, um rauszufinden, was die beste Ernährungsform für mich ist, vorausgesetzt ich habe die emotionalen, physischen und zeitlichen Ressourcen dafür. Wenn ich die nicht habe, dann ist es die Diagnostik. Dann muss ich Geld in die Hand nehmen, um für meine mangelnden zeitlichen oder emotionalen Ressourcen zu kompensieren. Dann muss ich die Labordiagnostik machen in der Hoffnung, dass ich dann dadurch auf den richtigen Pfad komme und dass ich die richtige Ebene getroffen haben, die mir dann jetzt wirklich hilft.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : gendiagnostikernährungIndividualisierungindividuelleeliminationsdiät

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