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Philosophy

Was wir von den Pirahã lernen können

Bildschirmfoto 2018-09-27 um 17.15.18

Ich schreibe gerade an meinem neuen Buch. Da geht es um den Unterschied zwischen der organischen und der mechanischen Weltanschauung. Und im Rahmen der Recherchen für das Buch bin auf ein paar interessante Sachen gestoßen, die ich euch gerne erzählen möchte. Also einerseits – und das steht in einem Buch, was gerade sehr, sehr beliebt ist. Das ist das Buch Sapiens– da beschreibt der Autor den Unterschied zwischen Tieren und den Menschen. Weil wir sind ja alle im Endeffekt Tiere mit einer tierischen Zellstruktur, eukaryotischen Zellstruktur. Wir sind auch in dem Genus der Säugetiere drinnen, aber irgendwas unterscheidet doch den Menschen von allen anderen Tieren und ich habe selber nie so richtig gerafft, was es ist, bis ich das in diesem Buch gelesen habe, und zwar:

Der Mensch ist in der Lage, an Dinge zu glauben, die nicht real sind. Dadurch sind wir in der Lage, an Dinge zu glauben wie die Zukunft. Die Zukunft ist nicht real. Es ist einfach nur, dass wir an die Zukunft glauben. Wir glauben, dass es ein Morgen gibt, und das sorgt dafür, dass wir jetzt schon mal Vorräte für morgen anlegen. Wenn wir zum Beispiel was kochen, dann macht es Sinn, für morgen zu kochen. Wir glauben an Dinge wie das Potenzial. Wir glauben, dass es sinnvoll ist, sich so zu verhalten, dass man sein Potenzial möglichst ausfüllt. Das sind Dinge, wo Tiere nicht wirklich zu relaten können, denn eine Maus fragt sich nicht, was ihr Potenzial ist und möchte ihr Potenzial erfüllen. Das ist einerseits eine sehr, sehr schöne Sache, andererseits ist es auch eine Sache, sich ein bisschen von der objektiven Realität zu distanzieren und mehr und mehr an Dinge zu glauben, die nicht real sind, die nicht nur zu sehr, sehr viel Fortschritt führen können, die aber auch ein bisschen dazu führen können, dass wir in mentalen Kreisläufen steckenbleiben und wir dadurch unglücklich werden.

 

 

Ich möchte euch ein interessantes Beispiel dafür geben, worauf ich auch gestoßen bin in meiner Recherche, und zwar ist das der Amazonas Stamm der Pirahã. Die Pirahã, das ist ein sehr, sehr alter Stamm. Die leben in Populationen bis circa 300, 400 Leute und was die besonders macht, ist, die glauben an nichts, was nicht real ist. Also die glauben gar nicht. Die werden als die perfekten Empirikerbezeichnet, weil für die nur Dinge real sind, die sie mit ihren Sinnen wahrnehmen können, beziehungsweise aus erste Instanz erfahren haben. Das heißt, ich kann darüber reden, dass ich einen Fisch gesehen habe, und das ist etwas, was einen Pirahãwirklich sehr interessieren wird. Wenn ich allerdings erzähle, dass ich glaube, dass übermorgen ein Unwetter kommt, dann interessiert das einen Pirahãnicht, weil das Unwetter ist ja nicht da.

 

Und das schlägt sich auch in der Sprache der Pirahãnieder. In der Sprache der Pirahãgibt es keine Zukunftsformen. Man muss Verben allerdings so umformen, indem man beschreibt, mit welchem Sinnesorgan man etwas wahrgenommen hat. Das heißt, es gibt verschiedene Verbendungen oder -anfänge, je nachdem ob man etwas mit den Augen wahrgenommen hat, mit den Ohren, ob man es deduziert hat aus verschiedenen anderen Hinweisen, die man gesehen hat, oder ob es einem jemand erzählt hat. Und das hat ein paar ganz, ganz Interessante Konsequenzen. Einerseits kamen halt christliche Missionare zu den Pirahãund haben versucht, diesen Menschen den christlichen Glauben zu vermitteln. Und die Pirahãwaren auch sehr, sehr interessiert an der Jesus Figur. Ich meine, wer über Wasser laufen kann, Wasser zu Wein verwandeln kann – das hat auf jeden Fall das Interesse der Pirahãgeweckt und sie wollten mehr über diesen Jesus erfahren und irgendwann haben sie den Missionar gefragt: „Kannst du den Jesus nicht mal mitbringen?“, und er meinte: „Ich habe Jesus noch nie getroffen“, „Du hast Jesus noch nie getroffen? Aber du erzählst uns doch von ihm. Dann muss doch dein Vater ihn schon mal getroffen haben und dann hat dein Vater dir davon erzählt“, „Nein, mein Vater hat den Jesus auch noch nie gesehen“, „Ok, dann interessiert es uns nicht“, und dann hat der immer weiter versucht, von Jesus zu erzählen, und dann meinten die Pirahã: „Du, wir mögen dich, finden dich total cool, aber erzähl doch nicht mehr von dem Jesus. Der ist doch nicht real“.

 

Und dass sie halt überhaupt nicht an Dinge glauben, die nicht real sind, sondern nur über die objektive Realität, sorgt halt auch dafür, dass sie relativwenig Sorgenhaben, weil Sorgen hat man dann, wenn man sich Sorge macht, dass sich Dinge verändern, aber ob sich Dinge verändern, das macht nur Sinn, wenn man an das Konzept der Zukunft glaubt. Wenn man allerdings nicht absolut im Hier und Jetzt lebt, dann ist das völlig irrelevant. Die Pirahã, die lachen sehr, sehr viel, die reden sehr, sehr viel über Dinge, die gerade passieren, die machen sich sehr, sehr viel übereinander lustig und das ist allgemein für die ein sehr, sehr entspanntes Leben mit dem Nachteil – das hat ja nicht alles nur gute Seiten aus unserer Perspektive gesehen – dass es halt sowas wie Fortschritt nicht geben kann, weil einen Fortschritt gibt es nur, wenn man für morgen etwas planen muss.

 

Das zeigt sich in ein paar interessanten Dingen bei den Pirahãs: Einerseits, wenn die Mehl reiben – also die reiben aus den Maniok-Wurzeln Mehl – und wenn die Mehl reiben, dann reiben die halt so viel Mehl, wie sie halt gerade Hunger drauf haben. Also die mahlen nicht Mehl für die nächsten zwei Tage, weil darüber denken die nicht nach. Wenn die von anderen Stämmen ein Kanu geschenkt bekommen, was ab und zu mal passiert, dann nehmen die dieses Kanu gerne an und paddeln damit dann über den Fluss und kommen auch wieder zurück. Wenn das Kanu allerdings irgendwann kaputtgeht, dann bauen die sich kein neues Kanu, sondern dann machen sie es, wie sie es vorher gemacht haben. Entweder einfach rüberschwimmen oder ein Bananenblatt zur Hilfe nehmen oder einen Bananenast. Und da gab es sogar ein paar Europäer, die sich gedacht haben: „Wir können den Pirahãs ja mal die Kanubaukunst beibringen“, die haben also einen Kanubaulehrer vorbeigeschickt und haben den Pirahãs beigebracht, wie man Kanus baut. Das hat den Pirahãs auch unglaublich viel Spaß gemacht, aber sie haben nie Kanus gebaut. Und als sie gefragt wurden: „Warum baut denn ihr keine Kanus?“, dann meinten die Pirahã: „Ja, ich brauche doch gerade gar keins“, „Ja, aber wenn du doch irgendwann mal eins brauchst. Wenn du zum Beispiel schwere Dinge über den Fluss transportieren muss“, „Ja, aber muss ich doch gerade nicht“, „Ja, ja, nicht jetzt, aber du gehst doch vielleicht mal irgendwann jagen und willst dann deine Jagt zurückbringen“, „Aber ich bin doch gerade noch gar nicht jagen. Ich sitze doch gerade hier“.

 

Also für Pirahãs ist das Konzept von Zukunft ein Konzept von Dingen, die wirklich nicht gerade aktuell wahrnehmbar sind, absolut nicht da. Und interessanterweise ist das ja auch das Ziel von verschiedenen spirituellen Systemen. Zum Beispiel der Meditation. In der Meditation geht es ja sehr viel darum, den aktuellen Moment wahrzunehmen. Für das, was ist, und für nicht mehr. Also es geht darum, die fiktive Realität, die subjektive Realität, die man sich so dazudichtet, komplett mal auszublenden und die Welt nur für das zu nehmen, was sie halt gerade ist, was ich halt gerade wahrnehme. Weil oft gehen dann dadurch sehr viele Sorgen einfach weg, weil diese Sorgen nur dadurch entstanden ist, dass wir uns Dinge erfunden haben, die noch gar nicht passiert sind. Wir sind Szenarien in unserem Kopf durchgegangen, die noch gar nicht passiert sind und vielleicht auch niemals passieren werden, aber sie machen uns halt in dem Moment Stress und Sorgen, weil wir sie halt für uns durchgehen.

 

Und ich finde, das ist eine sehr, sehr interessante Lektion von den Pirahã. Nicht das wir das komplett übernehmen sollten, weil ich glaube schon, dass wir in unserer westlichen Welt schon im großen Maße auch von der planerischen Fähigkeit, zu wissen, dass es ein Morgen gibt und dass man für das Morgen auch ein bisschen sorgen kann, profitiert haben, aber ich denke, manchmal wenn wir uns verstricken in irgendwelchen Gedankenkonstrukten oder Angst haben oder uns Sorgen machen, hilft es sehr, noch mal sich darauf zurück zu berufen: Was nehme ich gerade im Moment eigentlich wirklich wahr? Was ist wirklich, wirklich, wirklich real? Meditation ist eine Form, sich einfach nur irgendwo hinzusetzen, zu atmen, zu hören, zu fühlen, zu riechen, zu sehen und nur die Dinge zu nehmen für das, was sie wirklich gerade in der aktuellen Situation sind. Ich denke, das kann uns sehr, sehr viel Gelassenheitgeben, kann uns sehr, sehr viel Flowgeben, weil das ist die Voraussetzung für Flow. Das heißt, dass wir es schaffen, im aktuellsten Moment zu sein und nicht über morgen oder gestern nachzudenken. Flow ist halt die purste Definition von Loslassen und in diesem Moment eine intuitive Entscheidung zu treffen. Also, möge der Flow mit euch sein. Und bis zur nächsten Folge. Tschau.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : glückempirik

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