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Functional Medicine

Was ist SIBO?

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Wenn ihr nicht gut auf verschiedene Früchte und Gemüse reagiert – allen voraus sowas wie Zwiebeln, Knoblauch, Bananen, Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl – unter den Früchten die Äpfel, die Beeren, Avocados, Mangos, Nektarinen – wenn ihr da Blähbauch oder Durchfälle oder Verstopfungen von bekommt von diesen eigentlich doch so gesunden Nahrungsmitteln, dann ist dieser Artikel genau für euch. Ich möchte euch heute nämlich einen kurzen Baustein präsentieren aus der Medical Field Guide Serie. Die Medical Fiel Guide Serie habe ich vor einigen Monaten mit Allout Performance Training zusammen entwickelt und dabei geht es darum, dass wir uns angekuckt haben: Was sind die medizinischen Situationen, die zu den meisten Ausfällen im Profisport führen? Und wir haben identifiziert, das ist die Gehirnerschütterung, die Erkältung, die Grippe, die Magen-Darm- oder Durchfallerkrankung und die Muskelverletzungen. Und für diese medizinische Situation haben wir uns praktische Strategien herausgefiltert, die man tun kann, um diese Situation zu vermeiden oder das Risiko davon drastisch zu reduzieren, sie adäquat zu managen im Profisport-Setting und dafür zu sorgen, dass ein Spieler danach sicher und auch schnell wieder zurückgeführt werden kann. Und ein Baustein, den ich euch heute präsentieren will, ist wie gesagt aus dem Magen-Darm-Trakt Thema und da geht es wie gesagt um diese Situation Blähbauch, Durchfälle, Verstopfungen als Reaktion auf verschiedene Obst- und Gemüseformen.

 

 

Wie kann das sein? Einer der Hauptgründe meiner Erfahrung nach, ist eine Fehlbesiedlung des Dünndarms. Ich habe euch ein kleines Schema mitgebracht des Magen-Darm-Traktes und bei dieser Fehlbesiedlung des Dünndarms – das nennt sich kurz SIBO, Small Intestinal Bacterial Overgrowth, also Wachstum von Bakterien im Dünndarm. Da geht es darum, dass Bakterien, die eigentlich sich im Dickdarm befinden, es gegen die Fahrtrichtung geschafft haben und sich im Dünndarm niedergelassen haben. Ja, also hier oben ist der Mund, hier kommt die Speiseröhre, der Magen, Zwölffingerdarm, weiterer Teil des Dünndarms, hier kommt die Klappe zwischen Dünndarm und Dickdarm, dann geht der Dickdarm einmal komplett durch unseren Bauchraum und hier unten ist dann der Ausgang. Und normalerweise haben wir den größten Teil unserer Bakterien hier im Dickdarm und ich habe euch ein Video vor ein paar Tagen hochgeladen „Einführung in das Mikrobiom“. Da könnt ihr euch mehr darüber informieren, was es mit den Bakterien im Magen-Darm-Trakt auf sich hat. Aber hauptsächlich sollten die sich im Dickdarm befinden. Wenn die es allerdings entweder durch die Klappe gegen Fahrtrichtung in den Dünndarm geschafft haben oder es sogar im Dünndarm selber geschafft haben zu wachsen, dann sorgen diese Bakterien dafür, dass es uns innerhalb von 30, 40 Minuten, nachdem wir verschiedene Gemüse- und Fruchtformen gegessen haben, nicht so gut geht. Wir fühlen uns aufgebläht, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfungen. Das liegt daran, dass diese Bakterien die Nahrungsmittel verdauen und wenn Bakterien das machen, dann ist das meistens ein Fermentationsprozess. In einem Fermentationsprozess werden Zucker verarbeitet. Verschiedene Zuckerformen werden fermentiert und dabei entstehen Gaseund verschiedene andere Zwischenprodukte, die entweder Wasser saugen können, was dann zu Durchfällen führt, oder die Wasser verbrauchen im Endeffekt, was dann zu Verstopfungen führt. Und je nachdem welche Bakterienkonstellation sich dort befindet und welche Nahrungsmittel wir essen, haben wir entweder Durchfälle oder Verstopfungen oder einen Wechsel davon plus natürlich die Gasbildung und der Blähbauch.

 

Ok, dieses SIBO – warum ist das so ätzend? Das ist nicht nur ätzend, weil man das Gefühl hat, man verträgt kaum noch was oder man kann diese ganzen Sachen nicht essen, ohne dass es danach einem erst mal scheiße geht, sondern es gibt auch ein paar langfristige Folgen, denn der Nachteil davon, dass sich in dem Dünndarm da die Bakterien niederlassen, ist, dass auch die Enzyme, die uns helfen, Proteine und Fette aufzuspalten, die vor allen Dingen unsere Bauchspeicheldrüse und unsere Galle sezernieren, nicht mehr so gut funktionieren. Wir können also Proteine und Fette nicht mehr so gut aufspalten. Was passiert, wenn wir Proteine nicht mehr gut aufspalten können und aufnehmen können? Gewichtsverlustoder halt keine Chance, Gewicht zuzunehmen. Das heißt, wenn wir über Athleten reden, die Körpermasse zulegen wollen, Muskelmasse, Power zulegen wollen, und sie können keine Proteine verstoffwechseln, dann ist das ein ernsthaftes Problem. Und genauso geht es aber auch in der normalen Bevölkerung, wenn ihr keine Leistungssportler seid und könnt keine Proteine verstoffwechseln, dann ist das schlecht für unser muskuläres System, unser Knochensystem, aber vor allen Dingen auch im großen Maße für unser Immunsystem.

 

Ok, und der fehlende Stoffwechsel von Fetten ist auch deshalb ein Problem, weil Fette halt wichtig sind für unser hormonelles Systemund weil einige der wichtigen Hormone fettlöslich sind. Und in einer SIBO Situation, wenn wir Probleme mit der Fettaufspaltung haben wegen der Fehlbesiedlung im Dünndarm, dann können wir auch einen Vitaminmangel von den fettlöslichen Vitaminen haben. Dazu gehören Vitamin A, Vitamin D, Vitamin K, Vitamin E. Wenn ihr also das Gefühl habt, ihr müsst 100.000, 200.000 Einheiten Vitamin D jede Woche nehmen, um eure Vitamin D Spiegel obenzuhalten, dann kann es auch sein, dass wir Vitamin D einfach gar nicht adäquat aufnehmt im Magen-Darm-Trakt aufgrund einer SIBO. Ok, diese Bakterien im Dünndarm verbrauchen allerdings auch Vitamin B12. Das heißt, auch ein klassisches Symptom von einer SIBO ist halt neben dem Blähbauch und den Durchfällen ein konstanter, fast nicht aufrechtzuerhaltender Vitamin B12 Mangel, der in der Folge auch zu einer Blutarmut, zu einer Anämie führen kann.

 

Wie kann ich jetzt dieses SIBO adäquat diagnostizieren? Weil, ok, Gerrit, du hast jetzt gesagt, ich kriege einen Blähbauch, Durchfälle, Verstopfungen, nachdem ich verschiedene Früchte und Gemüse gegessen habe, weil dort diese fermentierbaren Zucker drinnen sind. Ja, das ist auf jeden Fall ein Hinweis davon. Es gibt aber auch eine harte Diagnostik dafür.

 

Darmspiegelung

Man kann da eine Darmspiegelung machen. Bei der wird ein bisschen Dünndarmschleimhaut oder Dünndarmschleim entnommen, den kann man sich unter dem Mikroskop ankucken oder man eine Kultur anlegen und kann dann sehen: Wie viele Bakterien und vor allen Dingen welche Bakterien befinden sich denn im Dünndarm? Das ist allerdings eine sehr invasive Diagnostik, sehr teure Diagnostik.

 

Atemtest

Andere Option ist, dass man einen Atemtest macht. Ich hatte gerade gesagt, durch die Fermentation von den Bakterien entstehen bestimmte Gase, und man kann den Bakterien Zucker füttern, nämlich Glucose und Lactulose. Die trinkt man und dann kann man mit einem Atemtest halt kucken: Fermentieren diese Bakterien diese Zucker? In welcher Form? In welchem Maße? In welcher Intensität? Und kann daraus dann auch Rückschlüsse auf eine SIBO machen. Das sind also beides Test, die man beim Arzt, die man beim Gastroenterologenmachen kann.

 

Trigger

Ich selber mache diese Test nicht. Ich arbeite lieber mit einem Trigger. Ich kucke, was passiert, wenn wir diese fermentierbaren Zucker essen. Wenn wir dann die Symptomatik bekommen, während wenn wir die fermentierbaren Zucker weglassen, wenn dann die Symptomatik weg ist, ist es für mich ziemlich eindeutig rückschließend auf eine SIBO Situation. Diese fermentierbaren Zucker, das sind sogenannte FODMAPs. FODMAPs steht für fermentierbare Oligo-, Di-, Mono- und Polysaccharide. Also kurz für fermentierbare Zucker von verschiedenen Längen.

 

FODMAPs

Wie kann man jetzt dieses SIBO loswerden? Sicherlich ist es eine sehr kurzfristig Lösung, einfach diese FODMAPs wegzulassen, diese fermentierbaren Oligo-, Di-, Mono- und Polysaccharide. Problem ist allerdings: Das ist in fast allen Früchten und Gemüsen drinnen und es ist sicherlich nicht die beste und auch langfristig nicht die gesündeste Lösung, diese Nahrungsmittel komplett wegzulassen. Also meiner Erfahrung nach kann man das machen, man sollte aber nicht für länger als 4 bis 6 Wochen, maximal 8 Wochen auf diese FODMAPs verzichten. Diese Ernährungsform, wo die FODMAPs komplett weggelassen werden, erfüllen in meinen Augen einen diagnostischen Zweck, nämlich diagnostisch für SIBO, aber haben keinen therapeutischen, großen Nutzen. Es gibt manche Situationen, wo man durch das komplette Weglassen dieser FODMAPs dafür sorgen kann, dass die Bakterien aussterben. Also quasi die werden ihrer Nahrungsgrundlage entzogen und dann kann es sein, dass diese Bakterien komplett weg sind. Meiner Erfahrung nach geht es Leuten, die auf diese FODMAPs komplett verzichten, für 4 bis 8 Wochen – also währenddessen sowie so merklich besser und danach bis zu 60%, 70% besser, aber komplett weg habe ich noch nicht so oft erlebt.

 

Probiotika

Mittelfristig sollte man es auf jeden Fall ergänzen mit Probiotika. Probiotika sind die guten Bakterien und die helfen auch mit, die schlechten zu verdrängen. Also eine Probiotika-Therapie ist etwas, was gut hilft, aber ist auch keine komplett langfristige Lösung, weil auch die Probiotika-Therapie – sobald man die wieder absetzt, ist es sehr schwer, dass die Probiotika sich wirklich festgesetzt haben, wenn wir Lebensumstände oder einen Lebensstil verfolgen, die die ganze Zeit pro SIBO sind und anti gute Bakterien.

 

Darmmotilität

Und zu diesen Lebensstilformengehört halt vor allen Dingen, dass wir ein unbewegtes, extrem stressiges Leben von schlechter Ernährung führen. Also die zwei Hauptgründe für eine SIBO sind halt einerseits, dass wir eine eingeschränkte Darmmotilitäthaben, also eingeschränkte Beweglichkeit des Darms. Normalerweise haben wir so schlangenförmige Pumpbewegungen Richtung Darmausgang, dass das Essen nach außen gepumpt wird. Wenn wir allerdings ein Leben führen, wo wir uns erstens einfach wenig bewegen – wir machen wenig Sport, wir sind wenig in der Natur unterwegs – dann haben wir schon mal eine eingeschränkte Darmmotilität. Wenn wir zusätzlich noch einen Lebensstil führen, wo wir konstant gestresst sind und die ganze Zeit Kampfhormoneaus unserem Gehirn ausschütten, die unseren Darm im Endeffekt lahmlegen, dann haben wir natürlich auch eine schlechte Darmmotilität und wenn halt diese Pumpbewegungen Richtung Ausgang aufhören, dann haben Bakterien besser eine Chance, gegen die Fahrtrichtung sich im Dünndarm niederzulassen.

 

Magensäureunterproduktion

Zweiter begünstigender Faktor ist, wenn wir eine schlechte Magensäureproduktion haben. Die Magensäure, die hier im Magen gebildet wird, hat eigentlich einen positiven Effekt auf alles, was hier drunter passiert. Einerseits sorgt die Magensäure dafür, dass sich nicht viele Bakterien im Dünndarm niederlassen können, andererseits sorgt die Magensäure auch dafür, dass die Gallensäure aktiviert wird, dass im Pankreas die Enzyme aktiviert werden, und dadurch insgesamt sorgt die Magensäure für eine sehr, sehr gute Verdauung. Wenn wir allerdings eine Magensäureunterproduktion haben, dann haben wir die Situation, dass die Gallensäuren nicht mehr so gut funktionieren können, die Pankreaslipasen können nicht mehr so gut funktionieren und andererseits können sich dann auch diese Bakterien niederlassen. Und in der Gesamtkonstellation führt das dann zu Fettstoffwechselstörungen,Proteinstoffwechselstörungen, wir sind Hardgainer und kriegen Blähungen, wenn wir Äpfel essen.

 

Ok, wie können wir jetzt die Magensäureproduktion wieder triggern?

 

Stressreduktion

Also Step 1 wäre sicherlich Stress-Management. Wenn wir einen Lebensstil voller Stressbelastungen führen, vor allen Dingen konstanter Stressbelastungen, dann wird die Magensäure sich darüber nicht freuen. Die erste Reaktion von der Magensäure ist, dass die Magensäureproduktion nach oben geht, deswegen haben wir auch, wenn wir initial die ersten ein, zwei Jahre einen stressigen Lebensstil führen, eine erhöhte Magensäureproduktion. Dann gehen wir zum Arzt, der stellt eine erhöhte Magensäureproduktion fest, weil wir vielleicht Sodbrennen hatten, gibt uns Säurehemmer. Und die zweite Phase, wie die Magensäure auf Stress reagiert, ist allerdings, dass sie von sich aus alleine die Magensäureproduktion nach unten fährt. Das ist wie so ein Schwamm, der einfach ausgepresst wird. Irgendwann ist einfach keine Magensäure mehr da und dann haben wir sowieso noch die Säureblocker, die wir obendrauf nehmen, und dann haben wir eine sehr, sehr geringe Magensäureproduktion. Also Level 1 ist auf jeden Fall Stressreduktion, Stressmanagement, Mediation und verschiedene Mindset-Techniken und Lebensstilumformungen, dass wir mehr von den Sachen machen, in denen wir einen Sinn sehen, und weniger von den Sachen machen, in denen wir keinen Sinn sehen. Das ist sicherlich Step 1.

 

Betain HCL

Step 2 ist, zu evaluieren, ob wir Magensäurehemmer noch brauchen. Also noch mal einen neuen Test machen, ob wir wirklich eine Magensäureüberproduktion haben, weil in der Regel formiert sich eine Magensäureüberproduktion irgendwann automatisch in eine Unterproduktion. Was man machen kann, wenn man eine Unterproduktion hat, ist man kann Magensäure substituieren. Es gibt Betain HCLTabletten, die man substituieren kann. Einfacher Test wäre, wenn einem Fleisch schwer im Magen liegt, dann hat man wahrscheinlich eine Magensäureunterproduktion. Dann kann man zwei Betain HCL Kapseln nehmen und wenn man damit Fleisch viel, viel besser verdauen kann, dann hat man wahrscheinlich eine Magensäureunterproduktion. Wenn man allerdings von diesen Betain HCL Kapsel Sodbrennen bekommt, dann hat man wahrscheinlich keine Unterproduktion, sondern entweder eine Überproduktion oder Normalproduktion.

 

Zitronenwasser mit Salz

OK, also man kann das substituieren. Mittelfristig die bessere Lösung ist allerdings, morgens ein Glas Wasser mit Zitrone und Salz zu konsumieren mit gutem Himalayasalz. Himalayasalz hat gezeigt, dass es die Magensäureproduktion verbessert, und Zitrone genauso. Man kann auch Apfelessig vor dem Essen – so 20, 30 Minuten vor dem Essen – trinken. Das kompensiert auch eine geringe Magensäureunterproduktion und kann auch helfen, dass wir mittelfristig SIBO loswerden.

 

Zucker vermeiden

Nahrungsmitteltechnisch: Nahrungsmittel, die dazu führen, dass wir SIBO bekommen, sind sicherlich die Zucker, die direkten Zucker – Glucose, Fructose spielt auch eine große Rolle dabei – das heißt, Vermeiden von großen Mengen an Zucker, Haushaltszucker, Glucose, Fructose, Sirup, Agavendicksaft, solche Sachen und natürlich auch Maisstärkesirup, was sich halt in den ganzen Softdrinks befindet, sollte man auf jeden Fall vermeiden, wenn man eine SIBO hat. Man braucht circa 4 bis 6 Wochen, von komplett Zuckerentzug, um anzufangen, das SIBO „auszurotten“, denn dadurch entzieht man den Bakterien die Nahrungsmittelgrundlage und dadurch kann man das SIBO loswerden.



 

Ja, das wäre so der Überblick über SIBO. Postet eure Fragen zu SIBO unten in die Kommentare und ich versuche, auf jede Frage einzugehen, und wenn sich ein paar Fragen häufen sollten, drehe ich noch ein extra Video zum Thema SIBO. Möge der Flow mit euch sein. Bis bald. 

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : sibomikrobiomdarmfloradünndarmfehlbesiedlungVerdauungDarmgesundheit

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