close
Functional Medicine

Was ist Insulinresistenz?

Bildschirmfoto 2018-10-04 um 08.57.40

Kennt ihr das, wenn ihr in den Urlaub fahrt, und dort die Zikaden im Wald hört? Am Anfang fällt es sofort auf, aber mit der Zeit bemerkt man es fast gar nicht mehr. Unsere Ohren haben sozusagen an Sensibilität gegenüber diesem Geräusch verloren. Unsere Ohren sind sozusagen resistent geworden gegen das Geräusch der Zikaden. Und diese Resistenzmechanismen, diese Desensibilisierung, das ist ein Mechanismus, der überall in unserem Körper stattfindet. Immer wenn unser Körper konstant mit einem Reiz konfrontiert ist, wie das Geräusch der Zikaden, findet er Wege, dieses Geräusch für uns niedrigerzuschalten, die Reizschwelle zu senken, sodass wir nicht mehr davon erregt werden. Und ein Beispiel, was ich euch heute dafür erklären möchte, ist die Insulinresistenz. Viele von uns wissen, was Insulin heißt, nämlich wenn wir Zucker essen, kommt der Zucker nicht direkt in die Zellen. Der findet nicht direkt in die Zellen. Es gibt keinen direkten Kanal für Zucker vom Blut in die Zellen, sondern da ist ein Schloss vor. Und dieses Schloss, das wird von Insulin aufgeschlossen. Es gibt also einen Insulinrezeptor an der Zelle und Insulin, was aus der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet wird, schließt die Zelle auf und der Zucker kann eintreten.

 

 

Wenn wir jetzt konstant Zucker aufnehmen, also sagen wir drei, vier Mahlzeiten am Tag und überall ist immer Zucker dabei, vielleicht sogar in hohen Mengen, dann schüttet unser Körper entsprechend auch hohe Mengen Insulin aus und die Zellen werden geflutet mit Zucker. Irgendwann sagen die Zellen sich aber: „Hey, warte mal, Gerrit. Wir haben genug Zucker hier. Wir wollen keinen Zuckerüberschuss. Es staut sich hier an. Wir wollen weniger Zucker in unseren Zellen haben“. Also was macht die Zelle? Sie fängt an, die Insulinrezeptoren, also die Schlösser, die sie hat, abzubauen. Sie kehrt diese Schlösser nach innen und damit sind die Schlösser nicht mehr aufschließbar. Ok, wir haben also Zucker, was in unserem Blut zirkuliert, Insulin wird ausgeschüttet, versucht Schlösser zu finden, aber jetzt gibt es weniger Schlösser. Dafür haben wir jetzt wieder einen konstanten Zuckerspiegel in den Zellen, aber wir haben mehr Zucker zirkulieren im Blut. Was ist die Reaktion vom Körper, wenn wir jetzt weiter Zucker aufnehmen, weil im Blut will er es ja auch nicht haben? Er denkt sich: „Ok, alles klar, dann schütte ich einfach mehr Insulin aus“. Er schüttet also noch mehr Insulin aus. Die Zellen reagieren damit, dass sie die Schlösser weiter und weiter abbauen. Der Körper reagiert mit mehr Insulinausschüttung. Ich brauche also mehr und mehr und mehr Insulin, um die gleiche Menge an Zucker in die Zellen zu bekommen. Das heißt, je höher meine Residenz gegenüber Insulin ist, desto mehr Insulin brauche ich, um Zucker in meine Zellen reinzubekommen.

 

Das ist genauso mit den Zikaden. Ich habe mich jetzt an dieses Level der Zikadengeräusche gewöhnt. Wenn ich die jetzt wieder wahrnehmen soll, müssen die halt lauter werden. Die müssen noch lauter werden. Genauso wie meine Bauchspeicheldrüse noch mehr Insulinausschütten muss, um die bisher gleiche Menge Zucker in die Zellen zu bekommen bei einer Insulinresistenz. Und wenn jetzt im Endeffekt dieser Teufelskreislaufimmer weitergeht, der angefeuert wird durch konstanten Zuckerkonsum, dann ist irgendwann die Bauchspeicheldrüse, die auch anatomisch aussieht wie ein Schwamm, ausgepresst. Es gibt im Endeffekt keine Ressourcen mehr für Insulin. Die Beta-Zellen, wo das Insulin produziert wird, die sind platt, die können nicht mehr, die sind fertig. Und die haben das ganze Insulin rausgepulver, weil die konstant auf höherer Drehzahl arbeiten mussten. Und das ist eine Typ 2 DiabetesSituation. Das heißt, wir haben im Endeffekt einen Zyklus von Zuckerkonsum, Insulinausschüttung, ab in die Zelle, Zucker kommt in die Zelle. Und wenn das konstant ist, dann folgt die Resistenz und die Resistenz der Zelle gegenüber Insulin sorgt dafür, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschütten muss. Das ist eine erneute Antwort von noch mehr Resistenz, noch mehr Insulin und das schaukelt sich gegenseitig hoch unter dem konstanten Antrieb von konstantem Zuckerkonsum. Und das Resultat ist einfach, dass unsere Bauchspeicheldrüse platt ist, die ist leer, Schwamm ausgepresst. Typ 2 Diabetes.

 

Ok, Insulinresistenz ist also die Vorstufevon einem Typ 2 Diabetes. Insulinresistenz ist unabhängig von Diabetes auch so eine beschissene Situation, weil es ist viel, viel leichter für uns, fett zu werden, dick zu werden, weil wir essen den Zucker, der Zucker schafft es nicht wirklich in die Zellen rein, das heißt, wir haben auch schon mal keine Energie. Das heißt, wir essen Zucker, aber fühlen uns trotzdem hungrigund müde. Hungrig, müde und wir nehmen Körperfett zu. Ja, die Insulinresistenz ist da ein klassischer Vorbote von oder beziehungsweise der erleichtert das, dass wir in so eine Situation geraten, dass wir konstant hungrig und konstant müde sind und Körperfett zunehmen. Und deshalb ist es halt schon mal eine sehr, sehr ätzende Situation. Auch als Sportler wird es für uns sehr, sehr schwer, Energie zu mobilisieren. Mit einer Insulinresistenz lässt sich ein Marathon nicht so einfach rennen wie ohne Insulinresistenz oder mit sensiblen Zellen gegenüber Insulin.



Wie messe ich jetzt erst mal meine Insulinresistenz? Man kann sie nicht direkt messen. Man kann nicht direkt die Zellen messen für Sensibilität gegenüber Insulin. Was wir allerdings machen können, ist: Wir können so ein paar indirekte Indikatoren uns ankucken. Ein indirekter Indikator ist die Karamellisierungvon roten Blutkörperchen. Rote Blutkörperchen zirkulieren die ganze Zeit in unserem Blut. Die haben eine Lebensdauer von circa 120 Tagen und je öfter die im Blutzucker konfrontiert sind, desto höher ist die Chance, dass die karamellisieren. Also genauso wie wenn ihr Zucker in eine Pfanne werft und dann erhitzt ihr das, können auch diese roten Blutkörperchen karamellisieren. Das heißt, ein Zuckermolekül heftet sich sozusagen an diese roten Blutkörperchen an. Wir können, wenn wir Blut abnehmen, messen: Wie viel Prozent dieser roten Blutkörperchen sind karamellisiert? Das nennt sich der HbA1c– also vom Hb, dem Hämoglobin, der Anteil an gezuckerten roten Blutkörperchen. Der sollte im Gesunden weit unter 5,8% liegen. Wenn er bei 5,8% liegt, dann haben wir auf jeden Fall schon mal eine Insulinresistenz Situation und Diabetes ist auch nicht mehr weit. Das heißt, wenn ihr einfach einen Bluttest macht und den HbA1c testet, habt ihr schon mal einen guten Indikator davon, wie eure aktuelle Zuckerinsulinresistenz, Insulinsensibilität Situation im Körper ist. In einem der nächsten Videos zeige ich euch dann, was man tun kann, wenn man eine Insulinresistenz hat, oder was man auch tun kann, um einfach niemals eine Insulinresistenz zu bekommen, um die Zellen konstant sensibel gegenüber Insulin zu halten. Bis bald.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : insulindiabetesinsulinresistenzzuckerblutzucker

Leave a Response