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Functional Medicine

Schilddrüsenunterfunktion und Leaky Gut

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Schilddrüsenunterfunktion ist eine sehr, sehr weitverbreitete Funktionsstörung. Das haben ungefähr zwischen 3 und 5% aller Menschen, also ungefähr jeder 20. bis jeder 30. hat eine Schilddrüsenunterfunktion, was einfach massiv ist. Es ist  sehr, sehr viel.

 

Und wie fühlt man sich damit? Man fühlt sich niedergeschlagen, man fühlt sich energiearm, man hat Schwierigkeiten, Körperfett loszuwerden, Schwierigkeiten Muskeln aufzubauen, hat Schlafstörungen, man hat vor allen Dingen mit TemperaturregulationProbleme, das heißt, man hat oft das Gefühl, dass es kalt ist, wo andere Leute mit normaler Schilddrüsenfunktion vielleicht sagen würden: „Ist doch eine völlig normale Temperatur“, „Ja, aber mir ist so kalt. Mein Hände sind so kalt, meine Füße sind so kalt“. Gerade Frauen können Probleme mit Haarausfallbekommen, dass die Haare dünner werden. Bei mir hat das jetzt nichts mit der Schilddrüse zu tun. Ich habe keine Schilddrüsenunterfunktion, aber bei Frauen, was sie oft berichten, ist halt, dass sie auf einmal mehr Haare im Kamm haben und das auch irgendwie über Monate anhält. Depressionen und Stimmungsschwankungen, vor allen Dingen Angstzuständesind auch assoziiert mit der Schilddrüsenunterfunktion.

 

 

 

Wie kann man das feststellen? Man kann es im Labor feststellen beim Arzt. Die meisten, die eine Schilddrüsenunterfunktion haben, haben auch veränderte Laborparameter. Man kann auch eine veränderte Schilddrüsenfunktion haben oder eine Schilddrüsenunterfunktion auch mit normalen Laborparametern. Diese Fälle gibt es auch. Da muss man speziellere Laborparameter messen.

 

Wenn man eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt hat, ist ja die Frage: Ok, woran liegt das? Und ich hatte schon so viele Leute, mit denen ich gearbeitet habe, die von ihren Ärzten niemals erklärt bekommen haben, was eigentlich bei einer Schilddrüsenunterfunktion passiert. Also die meisten Schilddrüsenunterfunktionen sind von einemAutoimmuntyp. Autoimmun bedeutet, dass das Immunsystem unsere Schilddrüse angreift. Das nennt sich dann Morbus Hashimotooder Hashimoto-Thyreoiditis. Also Entzündung der Schilddrüse nach Hashimoto ist eine Autoimmunentzündung, das heißt, Autoimmunerkrankung. Das heißt, das Immunsystem greift unsere Schilddrüse an. Warum sollte unser Immunsystem unsere eigene Schilddrüse angreifen? Das ist die große Frage. Und da hat sich ein Mechanismus herauskristallisiert, der da wirklich im Vordergrund steht, und das nennt sich Molekulare Mimikry, also sozusagen Versteckspiel der Moleküle. Also ein Molekül sieht so aus wie ein anderes und dadurch werden Moleküle verwechselt. Das Immunsystem konkret verwechselt nämlich Dinge, die nicht gut für unseren Körper sind mit körpereigenen Geweben. Konkret: Das Immunsystem versucht, ein Bakterium anzugreifen oder einen Virus und dieser Virus und das Bakterium sieht aber zufällig ähnlich aus wie unser Schilddrüsengewebe.

 

Bei den Bakterien, bei denen man das weiß, dass sie ähnlich aussehen wie unser Schilddrüsengewebe, das sind vor allen die Yersinia. Das ist eine Bakteriengruppe, die ganz normal in unserem Verdauungstrakt drinnen ist, und es gibt halt Situationen, in denen diese Bakteriengruppe es ins Blut reinschafft, in den Blutkreislauf. Und wenn das passiert, greift unser Immunsystem diese Yersiniaan, und weil das Immunsystem generell dann aktiv ist und auf der Jagd sozusagen nach Yersiniaist, kann es auch unsere eigene Schilddrüse angreifen. Und das zeigt sich dann darin, dass man im Blut zum Beispiel erhöhte Antikörper, also Autoantikörper gegen Schilddrüsengewebe findet und dass man auch dann irgendwann anatomisch eine kleinere Schilddrüse hat, weil die einfach nach und nach von unserem eigenen Immunsystem kaputtgeschossen wurde.

 

Was kann man jetzt dagegen tun? Die Frage ist halt: Wie schafft es überhaupt dieses Bakterium ins Blut, obwohl doch eigentlich eine vernünftige Darmbarriere da sein sollte. Und es gibt ein paar Erklärungsansätze und ein paar Therapieformen, die ich euch gleich vorstellen möchte.

 

Also erster Erklärungsansatz ist: Irgendwie muss die Darmbarriere durchlässig geworden sein. Es muss durchgeleakt sein. Irgendwie müssen die Bakterien durch die Darmbarriere durchgeleakt sein. Und es gibt auch einen Zustand, der das erklären kann. Der nennt sich Leaky Gut, löchriger Darm. Normalerweise ist unser Darm Zelle an Zelle recht spack mit einem kleinen Verbindungsmolekül, sodass da nichts durchgehen kann. Dass alle Stoffe nur quasi durch die Zelle durchgefiltert werden können, die Zellpolizei kann kucken, dass nur die guten Stoffe weiter ins Blut kommen und alles ist gut und es gibt ganz enge Verbindungsstellen – Tight Junctionsnennen die sich – enge Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Darmzellen.

 

Jetzt können aber durch Entzündungen im Darm und durch Trigger, die wir in unserer Ernährung aufnehmen – Glutenist ein großer Verdächtiger dafür – diese Tight Junctionskaputtgehen. Und diese Tight Junctions, dass die kaputt gehen, das ist nicht nur der Fall bei Leuten, die eine absolute Glutenunverträglichkeit haben in dem Sinne, dass sie Brot essen und kriegen sofort einen Blähbauch und Durchfälle und Gewichtsverlust – also das wäre dann die Zöliakie– sondern das gibt es auch bei Leuten, die von Gluten fast gar nichts mitbekommen.

 

Mein ehemaliger Mitbewohner, der hat an der Charité eine große Studie durchgeführt, und als wir damals zusammen studiert haben, haben wir auch schon viel über das Thema Gluten gesprochen und da war es halt noch so, dass die Zöliakie – also diese absolute Glutenunverträglichkeit – eher als so eine absolute Ausnahmeerkrankung galt und inzwischen sind die Erkenntnisse aber schon viel, viel weiter und die haben da an der Charité auch viel zu geforscht, wo man echt davon ausgehen kann, dass bei uns in Deutschland fast bis zu 80% der Leute in dem Sinne auf Gluten reagieren, dass dort die Darmschleimhaut angegriffen wird in der ein oder anderen Form. Es gibt verschiedene Formen davon, wie das Gluten dort reagiert und eine Form davon ist halt, dass die Tight Junctionshalt angegriffen werden können und dann kann es der ganze Mist aus unserem Darm ins Blut schaffen, unter anderem auch die YersiniaBakterien. Das Immunsystem greift die an, das Immunsystem ist aktiv und eine Entzündung resultiert. Wir haben also erhöhte Entzündungsparameter, die wir auch im Blut messen können, weil das Immunsystem verwechselt dann aufgrund dieses Mechanismus mit dem Molekularen Mimikry diese YersiniaBakterien oder auch andere Bausteine, die ins Blut gelangen können, mit unserer Schilddrüse. Greift unsere Schilddrüse an.

 

Ok, long story short: Für viele Leute, die eine Morbus Hashimotohaben, das heißt, eine Schilddrüsenunterfunktion, eine autoimmunbedingte Schilddrüsenunterfunktion, hilft es, komplett auf Gluten zu verzichtenin ihrer Ernährung. Und nach 8 Wochen sollte man auf jeden Fall merken, ob das einer der wichtigen Trigger für einen selber war, wenn man selber eine Schilddrüsenunterfunktion hat. Ich kann es euch nur ans Herz legen, weil das Risiko wirklich sehr, sehr gering ist. Probiert eine glutenarme Ernährung und das bedeutet halt: Verzichtet auf Brot und Nudeln für 8 Wochen und ich meine auch damit glutenarmes Brot und glutenfreie Nudeln, weil selbst die glutenfreien Nudeln haben halt Stoffe drinnen, die sozusagen der Kleber in den Getreiden drin sind, die dafür sorgen, dass wir überhaupt Teig daraus machen können. Das ist zwar nicht direkt Gluten, aber es sind glutenartige Stoffe und dieses glutenartigen Stoffe können ähnlichen Effekt auf unsere Tight Junctions haben, können zu Leaky Gut führen und damit dann den Weg freimachen für Bakterien. Aus dem Darm ins Blut. Immunsystem greift an. Immunsystem verwechselt das mit der Schilddrüse. Greift die Schilddrüse an.



 

Wie gesagt, long story short: Probiert mal 8 Wochen lang eine glutenfreie Ernährung, wenn ihr eine Schilddrüsenunterfunktion habt. Meiner Erfahrung nach viele Leute, die bei mir gelandet sind, denen hat das sehr, sehr gutgetan. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass die Leute, die bei mir gelandet sind, schon bei dem ein oder anderen Arzt waren, das heißt, ihr solltet auf jeden Fall eure Laborparameter haben, ein paar Dinge auch schon probiert haben. Wenn ihr irgendwie nicht weiterkommt, probiert die glutenarme Ernährung und schaut mal, ob euch das guttut, ob ihr wieder mehr Energie habt, ob euer mentaler Schleier sich auflöst, ob ihr besser mit Kälte klarkommt und ob ihr es leichter habt, Fett zu verlieren und zu schlafen. Also, in dem Sinne: Möge der Flow mit euch sein und bis bald.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : leaky gutglutenschilddrüseschilddrüsenfunktionschilddrüsenunterfunktion

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