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Functional Medicine

Probiotika als Ergänzung zu einer Antibiotikatherapie?

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Sollte ich eine antibiotische Therapie durch eine probiotische Therapie ergänzen? Um die Frage beantworten zu können, muss man sich erst mal fragen: Gefährde ich die Wirksamkeit des Antibiotikums, wenn ich zusätzlich Probiotika gebe? Denn das Schlimmste, was passieren könnte, wenn man eine antibiotische Therapie durchführt mit dem Ziel, einen pathogenen, gefährlichen Keim anzugreifen und auszurotten – das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass wir die Wirksamkeit dieses Antibiotikums hemmen. Das kann potentiell fatal sein, je nachdem um welche Krankheit und über welches Antibiotikum und welches Bakterium wir dort reden.

 

Und die Frage wurde versucht zu beantworten von einigen Wissenschaftlern. Man hat sich das im Labor angekuckt in Petrischalen. Hat also verschiedene Keime mit verschiedenen Antibiotika beträufelt und hat dazu auch Probiotika gegeben und man hat das aber auch am Menschen versucht. Und die Antwort darauf lautet, dass Probiotika keinen negativen Effektauf die Wirksamkeit von Antibiotika haben, teilweise sogar im Gegenteil. Nicht bei allen Keimen und nicht bei allen Pathologien, sondern bei einigen Pathologien und Keimen wurde festgestellt, dass Probiotika sogar einen unterstützenden Effekthaben, dass man die Probiotika sogar als Partner im Kampf gegen die pathogenen Bakterien sehen kann, denn wenn man die Probiotika – das ist ja eigentlich nur eine Kapsel mit ganz vielen „guten“ Bakterien – dann sind die auch im Krieg gegen die pathogenen Keime unterwegs und helfen uns unterstützend, die auch loszuwerden. Vor allem wenn es um Pathologen und Keime und Infektionen des Magen-Darm-Trakts geht.

 

 

Die zweite Frage, die man sich stellen muss: Was soll es überhaupt bringen, Probiotika zu nehmen? Und da kann man jetzt mal von ganz direkten Nebenwirkungen der Antibiotika bis zu weiter indirekten Nebenwirkungen von Antibiotika gehen. Ganz direkt, was sicherlich bei jeder Antibiotika-Therapie, vor allen Dingen bei einer oralen Antibiotika-Therapie, ist immer das Risiko einer Clostridium difficileInfektion. Das ist etwas, wo sich sehr viele Ärzte oder eigentlich jeder Arzt im klinischen Setting sehr viele Sorgen drum macht, und die Clostridium difficileInfektion ist eine potentiell fatale Komplikation von Antibiotika-Therapien. Und es konnte gezeigt werden, dass wenn man die Antibiotika-Therapie durch Probiotika ergänzt – also am ersten Tag der Antibiotika-Therapie auch gleichzeitig eine Probiotika-Therapie beginnt – dass das Risiko einer Clostridium difficileInfektion um über 50% gesenktwerden konnte.

 

Ein bisschen weniger fatale Nebenwirkungen sind halt Übelkeit, Verstopfungen und Durchfälle bis zu Völlegefühl oder auch Heißhungerattacken. Das hat was damit zu tun, dass die Antibiotika in einer sehr spezifischen und auch vorhersehbaren Art und Weise das Mikrobiom verschieben, und zwar verschieben sie es auf eine Art und Weise, dass es einerseits von der Bandbreiteher geschmälterwird – es gibt also weniger Variation von Bakterien nach einer Antibiotika-Therapie – und es ist auch so, dass tendenziell die „guten“ Bakterien ausgelöscht werden und dadurch opportunistische, proinflammatorische und pathogene Keime, also „schlechteKeimedie Überhand gewinnen können, und zwar nicht nur Bakterien, sondern auch Pilze. Und wenn man eine Antibiotika-Therapie durch eine Probiotika-Therapie ergänzt, also auch an Tag 1 die Probiotika beginnt, dann bleibt das Mikrobiom in einer Balance, sodass diese Nebenwirkungen und die Verschiebung dieses Mikrobioms viel, viel weniger auftreten. Das heißt, man kann also das Risiko zum Thema Übelkeit, Heißhunger, Durchfälle durch eine Probiotika-Gabe sehr, sehr stark senken.

 

Und weiter indirekt gedacht, geht es darum, dass die Verschiebung des Mikrobioms, also diese Dysbiose, die durch die Antibiotika-Therapie ausgelöst wird oder ausgelöst werden kann – in einem großen Anteil von Antibiotika-Therapien, ist das der Fall – diese Dysbiose ist assoziiert mit ganz, ganz vielen verschiedenen Erkrankungen. Von Asthma, Allergien, Autoimmunerkrankungen bis hin zu neuropsychiatrischen Erkrankungen – Depressionen, chronische Müdigkeit bis hin zu Schizophrenie und Autismus und ADHS-Syndrom – sind assoziiert mit einer Dysbiose und sind auch alles Erkrankungen, die auf eine Normalisierung, eine Balancierungdieser Dysbiose wieder positiv anschlagenkönnen. Das heißt, diese Zusammenhänge sind nicht nur sehr, sehr assoziativ, sondern sind relativ direkt zwischen dem Mikrobiom – der Balance des Mikrobioms – und der Entwicklung dieser Krankheiten. Und das wäre für mich auf jeden Fall auch wieder ein großer Antrieb, jede Antibiotika-Therapie auch durch eine Probiotika-Therapie zu ergänzen, dass man diese Krankheiten vermeiden kann. Und wenn man diese Krankheiten schon hat, den Körper in eine möglichst gute Position bringen kann, mit dieser Krankheiten umgehen zu können.



 

Also zusammenfassend: Probiotika-Gabe limitiert nicht oder reduziert nicht die Wirksamkeiteiner Antibiotika-Gabe. Probiotika-Gabe reduziert die Nebenwirkungen von fatalen Clostridium difficileInfektionen, die um über 50% reduziert werden bis hin zu „kleineren“ Nebenwirkungen wie Durchfälle, Übelkeit, Heißhunger, Schwindel. Und drittens: Das Risiko einer Dysbiose, die durch eine Antibiotika-Therapie ausgelöst werden kann, wird maßgeblich reduziert, und diese Dysbiose ist halt richtig stark assoziiert mit Autoimmunerkrankungen und neuropsychiatrischen Erkrankungen und Allergien. Und das sind alles Themen, warum es nur Sinn macht, eine Probiotika-Therapie ergänzend zu einer Antibiotika-Therapie zu geben und es gab einige große Metaanalysen, die auch als Resultat, als Konklusion empfehlen, eine Antibiotika-Therapie immer durch eine Probiotika-Therapie zu ergänzen. Am gleichen Tag starten, allerdings nicht gleichzeitig konsumieren. Also Antibiotika zuerst konsumieren, zwei Stunden später die Probiotika, aber direkt an Tag 1 beginnen und auch ruhig noch eine Woche nach der Antibiotika-Therapie fortführen. Also, ich hoffe, ich konnte eure Frage beantworten. Und bis bald.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : probiotikaantibiotika

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