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Sports Medicine

Medizinische Kommunikation im Athletiktraining

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Wir hatten bei unseren Tools über Performance darüber gesprochen, dass es 5 Tools gibt, um die Leistungsfähigkeit von Spielern im Athletiktraining zu verbessern, und heute sind wir bei Tool Nummer 4 der 5 Tools, um die Spielerverfügbarkeit zu optimieren in Balance zu der Leistungsfähigkeit. Und wir hatten im ersten Tool darüber gesprochen, dass man eine detaillierte Verletzungsstatistik führt, im zweiten Tool darüber gesprochen, dass man die Spieler erst mal fokussiert in den Sachen trainiert, in denen sie eine gute Bewegungseffizienz haben, im dritten Schritt, also bei Tool 3, sich erst darauf konzentriert: Was kann man therapeutisch machen, um die Bewegungseffizienz zu optimieren? Heute sind wir bei Tool Nummer 4, um die Verletzungsprävention optimal zu betreiben innerhalb des Profisportteams und das ist das Kommunikationssystem. Und im Kontext dieses kurzen Videos möchte ich eigentlich nur über 2 kleine Bausteine davon sprechen. 

 

Der eine Baustein ist eine zentralisierte Kommunikation. Wir haben oft in Teams oder in Organisationen die Situation, dass wir eine ziemlich verstreute oder inselgruppierte Kommunikation haben. Dann gibt es eine Kommunikation zwischen Arzt und Physio und die sind beide gebrieft und up to date, was es mit irgendwelchen Verletzungen oder präventiven Sachen auf sich hat, aber eine ganze Gruppe von anderen Leuten innerhalb des Staffs werden davon ausgegrenzt. Unteranderem der Head Coach, Assistenztrainer, Athletiktrainer. Das ist eine Situation, von der ich häufig höre, wenn ich mit anderen Trainern über die medizinische Kommunikation spreche. Das ist was absolut Essentielles, dass die medizinische Kommunikation wie bei einem Wagenrad – dass alles in die Mitte läuft und wir bei der Achse ein Kommunikations-Hub – das englische Wort „Hub“ wie Achse – für alle medizinischen Kommunikationsfragestellungen oder auch Antworten haben. Es geht also darum, dass es diese eine Person gibt, die der erste Ansprechpartner ist für alles, was um diesen Bereich Availability geht. Es geht also um einen Availability Director, Availability Manager. Wenn der Coach irgendwas über irgendwelche Verletzungen wissen möchte oder wann ein Spieler zurückkehrt, ist das derjenige, der angerufen wird. Wenn der Spieler irgendwas wissen möchte über was er tun kann, um eine Verletzung oder irgendwas noch besser zu managen oder besser zu verhindern auch, dann ist das derjenige, der angesprochen wird. Das muss kein Arzt sein. Es kann ein Arzt sein, aber es bietet sich an, dass derjenige jemand ist, der den ganzen Tag 24/7 im Trainingszentrum ist. Und Ärzte sind oft nicht im Trainingszentrum und haben oft auch nicht die Zeit oder auch die Muse, diese Informationen für ein Team komplett zu managen und immer ansprechbar zu sein. Es sollte auf jeden Fall jemand sein, der die ganze Zeit im Trainingszentrum ist. Was wichtig dabei ist, ist, dass derjenige nicht derjenige ist, der medizinischen Entscheidungen trifft. Das kann nur ein Arzt und das sollte auch nur ein Arzt tun. Ärzte sind am absolut kompetentesten, um diese Entscheidungen zu treffen. Es geht nur darum, dass derjenige Informationen managt und einholt und proaktiv auch fordert. Das ist derjenige, der den Arzt anruft – nachdem ein Spieler beim MRT war zu Beispiel – und sagt: „Hey, was war die Diagnose?“, oder den Arzt darum bittet: „Schick mir die Diagnose bitte per E-Mail, damit ich die verteilen kann an die relevanten Personen – Coach, Spieler et cetera – dass ich daraus eine Strategie entwickeln kann mit dir zusammen“, derjenige ist derjenige: „Ok, Arzt, was ist die Diagnose? Was ist die Prognose? Das heißt, wie lange dauert das? Was sind die Kontraindikationen? Was sollte dieser Spieler jetzt auf gar keinen Fall tun? Was sind die Indikationen? Was sollte dieser Spieler jetzt tun? Was ist deine vorgeschlagene, optimale Behandlungsstrategie?“, und das gleiche Gespräch wird mit dem Physiotherapeuten abgeschlossen und so wird gemeinsam über diese Kommunikationsachse des Availability Managers eine medizinische Strategie entwickelt, durchgeführt und gemanagt. Und jeder kann zu jedem Zeitpunkt zu dieser Achse hinkommen und sagen: „Ok, wo stehen wir gerade? Was ist gerade der Plan?“, und diese Achse holt sich proaktiv von allen anderen Beteiligten immer wieder neue Informationen, um den Prozess möglichst gut zu managen. Und das fängt halt an in der Prävention. Da geht es darum bei Erkältungen, grob darum zu fragen: „Ok, welche Desinfektionsmittel wollen wir in der Kabine benutzen?“, und das dann zentral zu managen, dafür zu sorgen, dass die auch dann da sind. Und das sind Dinge, da kann sich kein Arzt drum kümmern und will sich auch kein Arzt drum kümmern. Das sind Dinge, da kann sich oft auch ein Physiotherapeut nicht komplett drum kümmern. Das ist etwas, das muss jemand machen, der 24/7 vor Ort ist und die Kompetenz hat, medizinisch zu kommunizieren. Er wird nicht in der Lage sein und soll niemals in der Lage sein, medizinisch zu entscheiden. Es geht nur darum, zu kommunizieren. Das ist also der erste entscheidende Punkt beim Thema Kommunikationssystem. 

Der zweite entscheidende Punkt – und das ist etwas, was mir oft begegnet, wenn ich mit Trainern spreche, und was mir oft begegnet, wenn ich mit Medizinern im Profisport-Setting spreche. Und das Spannende ist: Ich habe beide Perspektiven gesehen. Ich habe einerseits die Perspektive als Trainer im Profisport durchgemacht und andererseits habe ich auch die Perspektive durchgemacht, dass ich verstehe, wie ein Arzt tickt. Dadurch dass ich selber jetzt Arzt bin und auch diese Komponente als Arzt mitbringe, verstehe ich beide Seiten, und es geht vor allen Dingen darum: Wo das Skin in the Game liegt für die jeweilige Person. Skin in the Game bedeutet quasi: Wo ist meine Verantwortung? Wo werde ich zur Rechenschaft gezogen? Wo ist der Risikopreis, den ich gegebenenfalls zahlen muss? Und das liegt auf zwei komplett unterschiedlichen Spektren. Für den Trainer – der sucht in allem, was er tun kann, um Leistung zu optimieren, weil wenn er nicht Leistung optimiert, dann ist sein Skin in the Game in Gefahr und sein Kopf ist on the line, wenn Leistung nicht optimiert wird. Das heißt, er neigt dazu, Dinge sich reinzuholen, die die Leistung optimieren auf die Gefahr hin, dass sie ein Risiko tragen. Das ist also die eine Seite der Medaille. Das ist ein performance-driven Mindest. Die andere Seite der Medaille ist – und das ist das Skin in the Game für den Mediziner und das ist ganz wichtig, dass wir als Trainer das auch verstehen und respektieren – ein Mediziner ist darauf geprimt – und das hat auch was mit juristischen Konsequenzen zu tun, die da wirklich auch mit auf dem Spiel sind – ist darauf geprimt, sein Skin in the Game dadrin zu haben, Risiko zu vermeiden. Das, was einen Arzt interessiert, ist: „Wie kann ich Risiken – dass dieser Spieler sich verletzt, für den Rest seines Lebens geschädigt ist, dass es ihm nicht gut geht – wie kann ich diese Risiken vermeiden?“, er wird dafür bezahlt, Risikovermeidung zu betreiben. Dafür wird er bezahlt in seinem Klinik-Setting, dafür wird er auch juristisch zur Rechenschaft gezogen, wie gut er darin war, Risiken zu reduzieren und Risiken zu vermeiden. Er würde also im Zweifel immer vorziehen, eine Methode rauszulassen, die ein potenzielles Risiko trägt, unabhängig davon, welches Performance-Potenzial sie hat. Wenn wir also die Fragestellung haben nach einer neuen Strategie, die einerseits ein Performance-Potenzial hat, aber auch ein Risiko trägt, wird der Mediziner immer sagen: „Nein, dieses Risiko will ich nicht haben. Weg damit“, und der Trainer wird immer sagen: „Wow, auf dieses Performance-Potenzial möchte ich nicht verzichten. Her damit“, und daher kommt diese Spannung. Und ich glaube, in dem Moment, wo wir beide verstehen, wo das Skin in the Game für unsere Gegenseite liegt – wie ist das Mindset? Wie ist mein Gegenüber geprimt? Wofür wird er bezahlt? Wofür ist sein Kopf on the line? Wo liegt sein Skin in the Game? Dann sind wir in der Lage, miteinander besser umgehen zu können, besser zu kommunizieren, weil dann kann ein Arzt verstehen, wenn ein Coach treibt, treibt, treibt, und der Coach kann verstehen, wenn ein Arzt sagt: „Hey, lass uns da lieber vorsichtig sein“, und dieser Respekt, diese Empathie ist die absolute Voraussetzung für ein gutes, funktionierendes Kommunikationssystem. 

Ich kann jedem Trainer nur empfehlen: Geht zu eurem Teamarzt und sagt ihm: „Hey, kann ich mal 1, 2 Tage dir über die Schulter schauen in deinem Klinik-Setting? Ich halte meine Fresse, ich bin die Fliege an der Wand. Ich möchte in deinen OPs mal mit dabei sein, ich möchte in deinem Patientengespräch mal mit dabei sein, ich möchte mal erleben, wie du deinen Alltag lebst“, und ihr werdet absolut fantastische Dinge sehen. Erstens werdet ihr sehen, wie so eine OP abläuft live und das ist ein spektakuläres Ding. Das ist faszinierend, wie die Medizin von heute Dinge fixen kann, die einfach unfixbar wirken. Alleine so eine einfache Knie-OP ist einfach – und auch wenn ich bestimmt schon an die 100 jetzt mitgemacht habe – ich bin jedes mal wieder unglaublich fasziniert, was wir da als Menschen geschaffen haben, wie wir so ein Knie wieder hinbekommen. Das ist also einerseits spannend, aber andererseits ist spannend zu erleben, unter welchen Bedingungen so ein Arzt existiert. Welche Stressoren, welche Druckfaktoren er von links, rechts, oben und unten bekommt. Von Patientenseite, von Direktionsseite, von Schwesternseite. Das sind unglaublich viele spannende Drücke und Dinge, die da passieren, und das nur einmal über 1, 2 Tage mitzuerleben, wird das Verhältnis zwischen euch und dem Arzt krass verbessern. Der Arzt wird sich verstanden fühlen und ihr werdet den Arzt besser verstehen. Und umgekehrt kann ich das auch nur empfehlen, dass ihr auch einen Arzt – ich weiß, die Zeit ist dann absolut limitiert – aber auch ein Arzt sich einmal darauf einlässt, nur 1 Tag mit so einem Trainer mitzugehen und sich reinzulassen in das Mindset, in die Emotion eines Trainers, in die: Was treibt den Trainer an? Ein Trainer sieht menschliches Potenzial, nichts anderes. Er versucht: „Wie kann ich das menschliche Potenzial verbessern?“, auch auf Kosten von gewissen Risiken. Trainer müssen ein paar Verletzungen zumindest im Hinterkopf als Risiko mit in Kauf nehmen, um das Beste aus den Spielern rauszuholen. Und das sind zwei nicht grundsätzlich verschiedene, aber von unterschiedlichen Richtungen nähert man sich. Und ich finde, das Wichtige ist, dass man sich auf die Gegenseite einlassen kann und sie wirklich versteht. Sie wirklich versteht. Weil am Ende des Tages wollen wir doch alle das Gleiche. Wir wollen Spaß haben, Spiele gewinnen, erfolgreich sein, was lernen und gegenseitig am Ende der Saison feiern können und sagen können: „Das war eine fantastische Saison“. Jeder will das. Jeder will das. Der Arzt, Physio, Spieler, Trainer, alle wollen das. Lasst uns uns auf die andere Seite einlassen. Das ist Punkt Nummer 2 neben diesem zentralen Kommunikationssystem. Punkt Nummer 2 ist Empathie und Skin in the Game. Das ist Tool Nummer 4: Kommunikationssystem im Bereich Verletzungsprävention. 

Wenn euch diese Themen interessieren, vor allen Dingen auch die Details von der Kommunikation im medizinischen System, dann schaut auf jeden Fall unter alloutperformance.de/events mal in den Link rein, weil wir haben nächstes Jahr ein großes Wochenende, wo wir genau über diese Themen reden. Da haben wir ein Wochenende, wo es nur um Verletzungsprävention und Return to Game Strategien geht, und wir sind gespannt, euch dort zu sehen, mit euch ein spannendes Wochenende zu verbringen. Möge der Flow mit euch sein. 

Tags : KommunikationSportmedizinTeamarztVerletzungsprävention

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