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Sports Medicine

Kontaktsport als Therapie für ADHS (mit Rainer Prang)

Bildschirmfoto 2018-09-29 um 11.08.13

Gerrit: Ich bin hier heute wieder mit Rainer Prang von der Sportakademie Prang, Wolfpack Cologne, und wir wollen heute mit euch über ADHS, also das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom sprechen. Das ist eine „Funktionsstörung“, die immer mehr diagnostiziert wird, vor allen Dingen bei Kindern, weil gerade Kindern können die Beine nicht stillhalten, Zappelphilipp, können sich nicht mehr konzentrieren, werden aufmüpfig, haben das Gefühl, sie müssen irgendwo Grenzen austesten. Es gibt viele Wege nach Rom. Es gibt pharmazeutische Wege nach Rom, wie man das therapieren kann, aber es gibt auch unserer Meinung nach ein paar andere Wege – vor allen Dingen über den Sport. Rainer, hast du vielleicht damit Erfahrung, dass du ein paar Kids vielleicht zu dir bekommen hast in deine Sportakademie, die im Bereich ADHS auffällig waren und denen der Sport geholfen hat?

 

Rainer:Ja, jede Menge. Ich glaube, dass extrem viele – sowohl Jungs als auch Mädels – halt in irgendeiner Form kommen und es darum geht, sich selber zu testen und seine Grenzen kennenzulernen. Gerade in jungen Jahren und damit meine ich nicht Kids oder Jugendliche, sondern auch junge Erwachsene, die irgendwo merken, dass sie so in unserer Gesellschaft nicht ganz konform sind, dass sie öfter anecken, dass sie vielleicht zu oft den Mund aufmachen.

 

 

Gerrit:Ja, ich muss sagen, da zähle ich mich selber dazu. Wenn ich so zurückblicke: Der Football Sport – das war ja das, wo ich reingeraten bin – hat mir auf jeden Fall von der „schiefen Bahn“ geholfen. Ich hatte so viele Fragen, so viele Dinge, die ich angezweifelt habe, und ich habe kein Outlet gefunden dafür und der Sport war für mich der Weg, rauszufinden, wer ich eigentlich bin.

 

Rainer:Ja, definitiv. Gleiche bei mir. Meine Ma hat immer gesagt: „Du hast die Diplomatie nicht mit Löffeln gefressen“, weil ich halt immer die Fresse aufgemacht habe und immer wissen musste: Wo stoppt es? Und Kampfsport vor allen Dingen – also Sport im Allgemeinen – aber Kampfsport vor allen Dingen zeigt extrem schnell, extrem gut Grenzen auf.

 

Gerrit: Das ist eine sehr ehrliche Sportart.

 

Rainer:Extrem ehrliche Sportart, weil du kriegst halt das raus, was du reinsteckst. Und wenn du zu heftig reinsteckst, wirst du auch extrem heftig rauskriegen.

 

Gerrit:Das hat mein Football Coach auch immer gesagt. Es ist deshalb sehr, sehr ehrlich. Es ist sehr direkt. Wenn du erwartest, etwas zu bekommen, dann musst du etwas dafür tun. Du wirst niemals mehr bekommen als das, was du dafür getan hast und auch oftmals weniger. Es kommt immer wieder zurück.

 

Rainer:Ja, definitiv. Klar, es gibt einige Leute, die haben ein bisschen Talent oder vielleicht auch mehr Talent und tun etwas weniger, aber das rächt sich dann über die Zeit. Also wir haben im Wolfpack auf jeden Fall mindestens eine Handvoll Jungs, die von sich selber sagen so: „Als Jugendlicher, als junger Erwachsener war ich so richtig renitent und Kampfsport hat mir geholfen, mich zu fokussieren, meine Energie zu kanalisieren und am Ende des Tages auch ruhiger mit Freunden und Familie zu kommunizieren“.

 

Gerrit: Viele Dinge sind einfach geklärt, wenn man aus dem Training rauskommt.

 

Rainer:Ja, definitiv. Für sich selber. Mit sich selber geklärt, definitiv. Ja, es ist ein super Ventil.

 

Gerrit:Sehr geil. Ja, damals beim Football habe ich die Erfahrung gemacht: Die Kids, 14, 15, 16, die vielleicht so an der Grenze standen – vielleicht sind sie gerade auf der Hauptschule und es war nicht so klar, ob sie es von da irgendwie noch mal rausschaffen, und kommen zum Sport, erleben die Disziplin, erleben ihre Grenzen vor allen Dingen, erleben, dass man den Mund halt aufmachen kann, klar, aber dann gibt es halt auch die Konsequenzen entweder mit den Mitspielern oder den Gegnern und dann lernen sie relativ schnell: „Ok, alles klar. Es gibt halt Wege, die ich gehen kann, und Wege, die ich vielleicht auch nicht gehen sollte, die ich vielleicht gar nicht gehen möchte“, und das überträgt sich recht schnell in die Schule. Wir hatten ein paar Fälle von Hauptschülern oder Realschülern, die sich bis zum Gymnasium wieder hochgekämpft hatten. Das ist halt mega, mega wichtig. Ab welchem Alter wäre es denn so beim Kampfsport, dass man damit auch beginnen könnte, wenn man jetzt sagt, man ist ein Elternteil, hat vielleicht ein Kind, was in dem Bereich unterwegs ist, und möchte da vielleicht die Option bieten? In welchem Alter kann man da mit dem Kampfsport beginnen? Weil Football ist relativ früh zugänglich so ab 10, 11, 12.

 

Rainer:Ja, bei uns geht es schon viel früher los. Gerade durch die Griffkampfsportarten, Grappling, Judo, BJJ, Luta Livre, all das, was auf einer Matte gemacht werden kann und wo es vor allen Dingen auch darum geht, Verantwortung für Trainingspartner zu übernehmen und im Miteinander gegeneinander zu lernen. Das finde ich halt auch, ist eine super wichtige Sache. Die jüngsten bei uns, die sind 5, 6. Ja, da ist halt viel auch mit körperlicher Erfahrung. Nicht immer nur kämpfen, nicht immer nur Kampftechniken lernen, sondern es sind halt viele Sachen, die so für das Leben helfen. Fall Schule und halt einfach zu merken: „Ok, hier sind meine Grenzen“, das ist so die Quintessenz daraus.

 

Gerrit:Ja, also ADHS ist nicht nur mit Medikamenten zu beruhigen und das ist vielleicht auch gar nicht der optimale Weg, Medikamente zu nehmen, um das Kind zu beruhigen, sondern vielleicht ist der Weg: Das Kind soll sich austesten. Teste dich aus, wenn du das Gefühl hast, du lebst in einer Welt, wo du ein paar Fragen hast, die du nicht für dich beantwortet hast. Finde ein Sportteam, gehe in einen Kampfsport Club. Das ist ein sehr, sehr guter Weg, nicht nur sich selber kennenzulernen, sondern auch Anschluss mit sehr, sehr coolen Leuten zu finden. Rainer, vielen, vielen Dank. Möge der Flow mit euch sein. Bis bald.

 

Rainer:Tschau.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : martial artsRainer prangADHSadaskampfsport

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