close
Functional Medicine

Einführung in das Mikrobiom

Bildschirmfoto 2018-10-04 um 09.01.10

Ich bestehe nicht nur aus menschlichen Zellen. Ich bestehe zu einem Großteil aus bakteriellen Zellen. Ich habe nämlich 10-malmehr bakterielle Zellen auf meine Haut, in meinem Magen-Darm-Trakt, als ich menschliche Zellen habe. Ja, 10-mal mehr. 100 Trillionen Zellen, bakterielle Zellen befinden sich alleine in meinem Magen-Darm-Trakt. Circa 3% bis 5% meines Körpergewichts sind Bakterien. Ich als Mensch bin also nicht nur Mensch, sondern ich bin einen Symbioseaus Mensch und Bakterium. Und über diese Symbiose wollen wir heute sprechen.

 

In den letzten Jahren ist das Thema des Mikrobioms, also dieses mikrobiellen Umfeldes in meinem Magen-Darm-Trakt extrem auf den Schirm der wissenschaftlichen Forschung geraten, weil man herausgefunden hat, welche Rolle die Konstellation dieses Mikrobioms auf unsere Gesundheit und auf unsere Leistungsfähigkeit hat. Dieses Mikrobiom ist nämlich zum einen die erste Verdauungsbarriere. Sie helfen uns dabei, Nahrungsbestandteile aufzuspalten und zu verarbeiten und daraus wichtige Mineralstoffe und Vitamine zu gewinnen. Zum Beispiel das Vitamin B12 wird im Endeffekt uns zur Verfügung gestellt von Bakterien.

 

Das Zweite ist, dass die Bakterien entzündungsregulierendsind. Das heißt, sie sezernieren Stoffe, die entweder proinflammatorisch– also entzündungsfördernd – oder antiinflammatorischsind – also entzündungssenkend. Je nachdem welches Bakterium, entscheidet sich, ob es eher pro- oder eher antiinflammatorisch wirkt. Dann wirken diese Bakterien auch immunmodulierend, das heißt, sie können unser Immunsystem entweder in eine überaktive Situation reinbringen – dann sprechen wir von Allergien – die Bakterien können das Immunsystem in eine Position bringen, dass das Immunsystem verwirrt ist und die falschen Gewebe angreift – dann sprechen wir von Autoimmun-Situationen – die Bakterien können aber auch das Immunsystem in eine Position bringen, wo das Immunsystem unteraktiv ist – und dann sprechen wir von einer Situation, dass man häufig krank ist, dass man häufig Infekte hat.

 

Das nächste, was das Mikrobiom für uns macht, ist, es produziert Hormone und es produziert Neurotransmitter. Einer der bekanntesten Neurotransmitter, der vor allen Dingen im Magen-Darm-Trakt produziert wird über Bakterien – eine große, große Rolle bei Spielen – ist das Serotonin. Serotonin als „Glückshormon“. Und bei all diesen Sachen, was das Mikrobiom in unserer Symbiose Mensch-Bakterium, was wir als Mensch darstellen, sind – alles, was diese Funktion des Mikrobioms dort ist – dann macht es auch nur Sinn, dass das Mikrobiom in den letzten 10 Jahren in großen wissenschaftlichen Studien mit verschiedenen Krankheiten assoziiert worden ist. Natürlich ist es offensichtlich, dass das Mikrobiom eine große Rolle spielt bei Verdauungsstörungen. Von einfachen Durchfällen bis hin zu Clostridium difficileInfektionen, was eine Komplikation von einer Antibiotika-Therapie sein kann. Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, das heißt, die entzündlichen Darmerkrankungenvon Morbus Crohn und Colitis Ulceros, aber auch bis hin zu – wie ich gerade auch schon erwähnt habe – Autoimmunerkrankungen. Das heißt, diese gesamte Bandbreite der Autoimmunerkrankungen ist mit dem Zustand des Mikrobioms assoziiert. Allergien, Übergewicht und aber auch neuropsychiatrische Erkrankungen, das heißt, alles, was mit unserem Gehirn zu tun hat. Depressionen, ADHS, chronisches Erschöpfungssyndrom, Schizophrenie, aber auch bis hin zum Autismus. Und das hängt auch damit zusammen, dass das Mikrobiom dafür verantwortlich ist, in welchem Zustand unsere Darm-Blut-Barriereist, das heißt, die Barriere, die den Darm von unserem Blutsystem trennt. Der Zustand des Mikrobioms bestimmt, ob diese Barriere eher durchlässig ist oder eher eine gute Integrität hat. Und da diese Darm-Blut-Barriere anatomisch und funktionell sehr, sehr ähnlich ist zur Blut-Hirn-Schranke, ist es auch sehr, sehr stark damit assoziiert, dass wenn die Darm-Blut-Barriere gestört ist, dann ist auch mit einer großen Wahrscheinlichkeit die Blut-Hirn-Schranke gestört. Und das ist einer der in den letzten 3, 4, 5 Jahren extrem wachsende Forschungszweige, wo sich angekuckt wird, was genau die Integrität der Darm-Blut-Barriere mit der Integrität der Blut-Hirn-Schranke zu tun hat.

 

Ok, also eine ganze Reihe, eine ganze Bandbreite von verschiedenen Erkrankungen sind damit assoziiert mit dem Zustand des Mikrobioms. Aber was heißt überhaupt „guter“ oder „schlechter“ Zustand des Mikrobioms? Man kann generell sagen, dass man ein Mikrobiom haben kann mit einer geringen Bandbreite – das bedeutet, es gibt nicht sehr viele verschiedene Arten von Bakterien – und man kann ein Mikrobiom haben mit einer großen Bandbreite – das heißt, man hat ganz, ganz viele verschiedene Arten von Bakterien. Und im Groben kann man sagen, dass eine große Bandbreite besser ist für die Gesundheit und eine enge Bandbreite nicht so optimal für die Gesundheit ist. Das Zweite, was man weißt, ist, dass es schon im Generellen gute und schlechte Bakterien gibt. Es gibt schon eher Bakterien, die eher dafür da sind, Entzündungen zu hemmen, das Immunsystem auf eine positive Art und Weise zu modellieren und die auch dafür da sind, uns Hormone und Neurotransmitter zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören vor allen Dingen kurzkettige Fettsäuren, die von unserem Mikrobiom im Dickdarm produziert werden, die sehr, sehr gut für die neuroyale Gesundheit sind und für Darmgesundheit.

 

Also enge Bandbreite und weite Bandbreite, wobei das Ziel sein sollte, eine weite Bandbreite von Bakterien und Organismen im Darm zu haben. Und es gibt gute und schlechte, wo das Ziel ist, eher die guten zu haben. Viel mehr weiß man aber auch schon im Moment noch gar nicht über das Mikrobiom. Ähnlich wie wir vor einigen Jahrzehnten das menschliche Genom entdeckt haben und das menschliche Genom-Projekt ins Leben gerufen habe, um das Genom des Menschen zu entschlüsseln, was uns dann geholfen hat, verschiedene Krankheiten zu entschlüsseln, ist im Moment ein riesiges Thema in der Medizin das menschliche Mikrobiom-Projekt, wo es darum geht, das menschliche Mikrobiom zu entschlüsseln, und von da von den einzelnen Bestandteilen auf verschiedene Krankheiten zurückzuschließen. Bis das entschlüsselt ist – was wir wissen, ist: Enge Bandbreite ist nicht gut. Weite Bandbreite ist besser. Es gibt gute und es gibt schlechte.

 

Ok, was kann ich jetzt also tun, um generell dafür zu sorgen, dass ich eine gute Bandbreite und eher die guten Bakterien habe? Eine Sache, die man auf jeden Fall da thematisieren sollte, sind Antibiotika-Therapien. Antibiotika sind ja Stoffe, die dafür sorgen, dass wir Bakterien – in den meisten Fällen geht es dabei um irgendeine bakterielle Infektion, die wir im Körper haben – abtöten. Das heißt, diese Stoffe sorgen entweder dafür, dass das Bakterium sofort getötet wird oder es sorgt dafür, dass das Bakterium sich nicht fortpflanzen kann und so der Bakterienstamm ausgerottet wird. Diese Antibiotika, die sind nicht sehr spezifisch. Man kann nicht sagen: „Ich gebe jetzt das Antibiotikum, was exakt gegen Streptococcuswirkt oder was exakt gegen Staphylococcus“, sondern diese Antibiotika, die wirken gegen entweder alle Bakterien oder gegen eine sehr, sehr große Gruppe von Bakterien. Und man kann auch nicht sehr spezifisch sagen: „Das soll jetzt nur im Arm wirken oder nur in der Niere oder nur im Kopf oder nur im Magen-Darm-Trakt“, sondern sie wirken in einem gewissem Maße alle sehr, sehr systemisch. Und vor allen Dingen wenn ich die Antibiotika oral einnehme in Kapsel- oder in Pillenform, dann wird dabei auch in großem Maße das Mikrobiom plattgemacht. Man weiß, dass Antibiotika eine sehr, sehr spezifische, reproduzierbare und in einer vorhersehbaren Art und Weise das Mikrobiom verändern. Vor allen Dingen wird die Bandbreite eingeschränkt und es werden tendenziell leider eher die guten Bakterien gekillt und das macht Platz, das macht Raum für opportunistische Keime, für opportunistische Bakterien, aber auch für opportunistische Pilze. Das heißt, tendenziell ist es so, dass nach einer Antibiotika-Therapie Platz gemacht wird für „schlechte“ Bakterien und Pilze, die dann eher proinflammatorisch wirken – entzündungsfördernd – und die Darmbarriere schädigen können. Man weiß zum Beispiel, dass Antibiotika-Therapien gerade bei Kindern assoziiert sind mit Allergien, mit der Entwicklung von Allergien, mit der Entwicklung von Typ 1 Diabetesund mit der Entwicklung von Asthma. Beim Erwachsenen geht es dann eher um die Entwicklung von Typ 2 Diabetes. Ja, weil Antibiotika sorgen dafür, dass das Mikrobiom in einer Art und Weise verändert wird, dass die Chance für eine Insulinresistenz steigt. Und das ist die Vorstufe. Und dann habe ein anderes Video. Ist unten verlinkt. Das ist die Vorstufe von Diabetes. Antibiotika-Therapie bei einem Erwachsenen kann die Chance von Darmerkrankungen erhöhen und auch Autoimmunerkrankungen sind assoziiert mit  der Antibiotika-Nutzung im Erwachsenenalter.

 

Was kann man also tun, um das Mikrobiom zu schützen vor der Antibiotika-Therapie? Nummer 1, was ganz wichtig ist, zu verstehen: Wir sollten auf jeden Fall nicht auf die Antibiotika-Therapie verzichten, wenn ein Arzt uns diese angeraten hat. Eine Antibiotika-Therapie kann lebensrettend sein, je nachdem welchen Infekt wir haben. Und man sollte nicht sagen: „Ich möchte das Mikrobiom schützen und verzichte daher auf die Antibiotika-Therapie“, das wäre wahnsinnig. Das Mikrobiom, dass das zugrunde geht oder Schaden erleidet, das ist ein Nebeneffekt von einer erfolgreichen Antibiotika-Therapie. Also, ok, nicht das Baby mit dem Badewasser auskippen, sondern Antibiotika-Therapie auf jeden Fall aufrechterhalten.

 

Aber was können wir zusätzlich tun? Wir können nämlich parallel Probiotikanehmen. Probiotika sind einfach Bakterienstämme in Kapselform. Und in diesen Bakterienstämmen sind in erster Linie die „guten“ Bakterien drinnen und da ist eine sehr, sehr große Bandbreite – wenn es ein gutes Probiotikum ist – von Bakterienstämmen drinnen. Und das Ziel ist es, die Probiotika so schnell wie möglich nach Beginn der Antibiotika-Therapie – am besten noch am selben Tag – gleichzeitig einzunehmen. Also nicht gleichzeitig, sondern ein bisschen zeitversetzt, das heißt, die Antibiotika-Therapie zuerst und dann circa 2 Stunden später die Probiotika-Therapie, aber bereits am gleichen Tag damit beginnen. Und es konnte auch in verschiedenen Studien gezeigt werden, dass 1. Die Wirksamkeit der Antibiotika dadurch nicht limitiert wird. 2. Die Nebenwirkungen der Antibiotika-Therapie, die direkten Nebenwirkungen verbessert werden konnten oder  die Nebenwirkungen vermindertwerden konnten. Das ist vor allen Dingen die Clostridium difficile Infektion, wo viele Ärzte auch Angst vor haben bei der Antibiotika-Therapie. Die konnte mit der zusätzlichen Gabe von Probiotika um über 50% reduziert werden. Übelkeit und Schwindel, was auch mit Antibiotika-Therapie assoziiert sein kann, wurde auch reduziert bei der zusätzlichen Gabe von Probiotika. Ok, also wenn ihr Antibiotika nehmt, macht es sehr, sehr viel Sinn – und da gibt es einige große Metaanalysen. Die letzte auch in 2013, die gezeigt hat, dass es sehr, sehr empfehlenswert ist, Probiotika in Kombination mit Antibiotika zu nehmen und dass man sich keine Sorgen machen muss, dass die Antibiotika dann nicht mehr wirken. Gerade wenn es um antibiotische Therapien von anderen Bereichen als den Magen-Darm-Trakt geht. Ok, das ist also das Thema Antibiotika und das Mikrobiom.

 

Wie können wir generell dafür sorgen, dass unser Mikrobiom in einer guten Balance da ist? Wenn wir eine Veranda haben und wir stellen auf die Veranda jeden Abend einen Becher Milch, dann werden wir irgendwann Katzen haben. Das heißt, Katzenfutter führt zu Katzen und genauso ist es auch im Mikrobiom. Die Art und Weise, wie wir das Mikrobiom füttern – ich denke immer über die Bakterienfarmen in unserem Magen-Darm-Trakt nach – die Art und Weise, wie wir das Mikrobiom füttern, bestimmt, welche Ausprägung des Mikrobioms wir haben. Wenn wir also die ganze Zeit Glucose und Zucker konsumieren, dann werden wir Bakterien in unserem Darm kultivieren, die darauf getrimmt sind, Glucose und Zucker zu verarbeiten. Das heißt, eher Bakterien mit einem anaeroben Stoffwechsel, die gut mit Zucker und Kohlenhydraten funktionieren. Wenn wir allerdings eher Fettreiches und proteinreiche Nahrungsmittel essen, dann werden wir eher andere Bakterien kultivieren. Das heißt, eine sehr, sehr lineare Ernährungsform führt zu einem sehr, sehr linearen Mikrobiom. Eine große Bandbreite von Ernährung führt zu einer großen Bandbreite des Mikrobioms. Ok, also alleine schon die Tatsache, dass wir uns vielfältig ernähren, führt zu einer vielfältigen Ausprägung des Mikrobioms, was ja schon mal eine sehr, sehr gute Sache ist.

 

Und dann die Frage: Was sorgt eher dafür, dass wir gute und dass wir schlechte Bakterien züchten? Gute Bakterien werden mit Präbiotikagezüchtet. Präbiotika sind die Nahrung für gute Bakterien und das sind vor allen Dingen Ballaststoffe. Ballaststoffe sind nichts anderes als unverdauliches Pflanzenmaterial, das heißt, Zellwände von Pflanzen. Wenn wir Spinat, Brokkoli, Bohnen, anderes grünes Gemüse, auch Zwiebeln, Knoblauch – die sind sehr voll mit unverdaulichen Zellpflanzenwänden und die guten Bakterien in unserem Magen-Darm-Trakt, die lieben das. Das ist für die neues Futter und die können dadurch sprießen und gedeihen und wenn wir davon sehr, sehr viele haben, haben die auch eine Chance, die schlechten Bakterien zu unterdrücken. Ich stelle mir das immer vor wie so einen Krieg von den Persern gegen die Römer. Wir wollen viele, viele, viele von den guten haben, damit die schlechten keine Chance haben. Also Präbiotika – dazu gehören vor allen Dingen Ballaststoffe, die wir in viel grünem Gemüse finden und in sowas wie Leinsamen und Chia-Samen.



 

Ok, also wenn ihr langfristig gesund bleiben wollt, wenn ihr euer Immunsystem balanciert  haben wollt, wenn ihr eure Zellen sensibel gegenüber Insulin halten wollt, also die Insulinresistenz vermeiden wollt, wenn ihr keine Lust auf Allergien habt, wenn ihr keine Lust auf neuronale Störungen habt, chronisches Erschöpfungssyndrom, Autoimmunerkrankungen, Depressionen, Schizophrenie und Autismus. Ein wichtiger Faktor in der Vermeidung, in der Prävention dieser Krankheiten ist das Mikrobiom und das haben schon die ganzen klugen Ärzte vor Jahrhunderten gesagt, Galen und Hippokrates: „Heilung fängt im Darm an“, und neuste Wissenschaft zeigt uns das gerade. Das Mikrobiom ist ein absoluter Schlüssel in der Prävention, aber auch in der Heilung ganz, ganz, ganz vielen Krankheiten. Probiotika in Kombination mit Antibiotika-Therapien, wenn sich die Antibiotika-Therapie nicht vermeiden lässt, und Präbiotika im Sinne von einer großen Bandbreite verschiedener Nahrungsmittel, pflanzliche Nahrungsmittel, tierische Nahrungsmittel, Zuckerkonsum reduzieren, industriellen Zuckerkonsum reduzieren und viele Probiotika im Sinne von Ballaststoffen – Leinsamen, Chia-Samen. Also, möge der Flow, der bakterielle Flow mit euch sein. Und bis bald.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : immunsystemmikrobiomdarmfloraautoimmunchronische Krankheitenbakterien

Leave a Response