close
Philosophy

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 15.51.42

Was ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis? Also in der Theorie gibt es da keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis allerdings schon. Und was macht genau den Unterschied aus? Gerade im Bereich Training und im Bereich Medizin sind wir ja immer in einem Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis und ich glaube, es hat ganz viel mit der Art und Weise, wie man das Konzept von Modellen sieht.

Also Modelle sind Simplifizierungen von hochkomplexen Sachen, die in der Natur abgehen, die uns helfen, Dinge zu verstehen. Ein Modell ist es zum Beispiel, zu sagen: Der Mensch, der funktioniert wie eine Maschine. Unser Herz funktioniert wie eine Pumpe, unsere Gefäße funktionieren wie ein Abflusssystem. Ist das korrekt? Nein, für Gefäße und Herzen sind weitaus mehr Faktoren entscheidend, allerdings ist das Modell hilfreich, um einen Einstieg darin zu finden, um es verstehen zu können. Nicht jeder will sich in die Details, die biochemischen und physiologischen Details von der Funktion des Herzens reinarbeiten müssen, um grundsätzlich verstehen zu können, wie das Herz funktioniert, damit man es praktikabel sehen kann, weil mit diesem Bild des Herzens als Pumpe kann man praktikabler Entscheidungen treffen, die zum Beispiel dazu führen können, die Pumpgröße zu verbessern und dadurch mehr Herz-Kreislauf-Volumen zu kreieren im Trainingssetting oder auch im medizinischen Setting.

Ein anderes Modell, was ich gerne benutze, ist das Modell – man beobachtet das auf Intensivstationen sehr, sehr viel – dass der Körper seine Hierarchie hat, in der er Organe wertschätzt. Und wenn man auf einer Intensivstation ist, dann sind Leute meistens da, weil sie sich auch nicht mehr bewegen können. Und der Bewegungsapparat ist sozusagen ganz unten in dieser Hierarchie. Wenn sie dann bettlägerig sind, ist eine der nächsten Sachen, die ausfällt, der Magen-Darm-Trakt. Verdauung klappt nicht mehr. Entweder Verstopfungen oder Durchfälle. Magen-Darm-Trakt ist also das nächstuntere auf der Hierarchie. Das Nächste ist, wenn es dem Patienten immer schlechter und schlechter geht, fällt die Nieren aus, dann die Leber, dann irgendwann die Lunge, das Herz und als letztes fällt das Gehirn aus. Der Körper hat also so eine intrinsische Hierarchie und diese Hierarchie der Organe ist ein interessantes Modell, um einige Zusammenhänge auch im Kontext Sport zu erklären. Zum Beispiel wenn ein Spieler eine Knieentzündung hat, eine Patella Tendonitis, eine widerstandsfähige Entzündung im Knie, dann ist es ein hilfreiches Modell, über diese Hierarchie der Organe zu erklären: „Solange du noch eine Entzündung im Magen-Darm-Trakt hast, wird der Körper wahrscheinlich keine Ressourcen dafür aufwenden, eine Entzündung im Knie anzugehen“, das heißt, das Konzept Ernährung im Zusammengang mit Knie lässt sich leicht über dieses Modell erklären und das ist die praktische Herangehensweise. Das ist eine ultra krasse Vereinfachung von komplexen biochemischen Prozessen, die es dem Spieler praktikabel macht, jetzt die Ernährung umzustellen, um die Situation vom Knie zu verbessern.

Wenn man jetzt ins Detail dieses Modells geht, wird man feststellen, dass das Modell natürlich falsch ist. Und wenn nicht falsch, dann zumindest unzureichend, weil es ganz viele Hinweise darauf gibt, dass der Bewegungsapparat in manchen Punkten wichtiger ist als der Verdauungstrakt und genauso kann man jetzt argumentieren: „Wie ist denn genau die biochemische Connection zwischen Verdauungstrakt und Entzündung im Knie?“, und das wäre halt das Attackieren des Modells, was es sehr, sehr theoretisch macht und dadurch verlieren wir an Praktikabilität. Wir bekommen dadurch einen höheres Maß an Genauigkeit, das heißt, wenn die Frage danach steht: Wer hat recht? Der Praktiker oder der Theoretiker? Dann kann man die auf zwei verschiedene Art und Weisen beantworten. Wer hat theoretisch recht? Der theoretisch Ansatz. Dieses Runterbrechen und sagen: „Nein, es gibt diese Hierarchie nicht“, das wäre der theoretisch richtige Ansatz. Der praktisch richtige Ansatz ist: „Was hat mehr dazu geführt, dass der Spieler keine Schmerzen im Knie hat? Das Modell“.

 

Und ein einfaches Beispiel dazu ist es – und da habe ich vor einigen Monaten einen Artikel auf meiner Homepage zu geschrieben: Was ist die Küstenlänge von Kalifornien? Und das ist eine vermeintlich einfache Antwort. Man könnte zum Beispiel sagen: „Die Küstenlänge von Kalifornien, das wird man auf Wikipedia finden, ist 5.000km“, ok, aber auf welchem Level der Praktikabilität wurde das denn gemessen? Die Frage ist nämlich eine ganze andere – ob ich mit dem Schiff, mit dem Auto oder zu Fuß an der Küstenlinie von Kalifornien langfahren möchte. Wenn ich mit dem Schiff fahren möchte, dann fahre ich einfach von Nord, Süd eine gerade Linie und ich habe irgendwas im Bereich von 4.000km als Länge von Kalifornien. Das ist also das praktikabelstes Modell auf die Frage zu antworten: Was ist die Länge der Küstenlinie von Kalifornien? Ist das praktikabelste Modell für jemanden, der mit dem Schiff unterwegs ist, zu sagen 4.000km. Ist das die richtige Antwort? Nein, das ist nicht die richtige Antwort auf die Frage: Wie lang ist die Küstenlänge von Kalifornien? Weil wir müssten natürlich alle geschlängelten Linien mit beachten. Wenn wir zum Beispiel die Highway 1 in Kalifornien fahren wollen, kommen wir wahrscheinlich auf eine Länge von über 4.000km, weil wir mit dem Auto natürlich nicht die direkte, gerade Linie fahren können. Aber selbst das wäre nicht die korrekte Antwort. Die wäre sehr praktikabel, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, aber es ist nicht die korrekte Antwort. Wenn ich nämlich zu Fuß langgehe, bin bei einer viel, viel größeren Länge. Wenn ich jeden einzelnen Stein umziehe würde, bin ich bei einer noch viel größere Länge. Und wenn ich extrem theoretisch unterwegs bin, dann zoome ich in jedes einzelne Molekül, jedes einzelne Atom rein und habe irgendwann die Antwort, dass die Küstenlänge von Kalifornien unendlich lang ist. Das ist eine sehr, sehr theoretische Antwort, die uns kein Schrittchen weiterbringt. Und das ist halt der Grund, warum es einen großen Unterschied zwischen praktikablen Herangehensweisen gibt, die darauf aus sind, das Resultat zu erzielen, und theoretischen Herangehensweisen, die darauf aus sind, die richtige Antwort auf den Prozess zu finden. Und beide Herangehensweisen sind in ihrer Synergie sehr, sehr wichtig und man sollte immer wieder sich fragen: Ist man in einer Situation, wo man ein Problem lösen möchte oder ist man in einer Situation, wo man näher an die Wahrheit dieser Antwort rankommen möchte? Ich bin befinde mich in der Medizin und im Sport sehr oft in der Situation, dass ich Patienten von mir habe, die eine Lösung haben wollen, und dann helfen mir Modelle. Und für alle Modelle gilt: Sie sind falsch, aber hilfreich. Ist also eine Frage der Praktikabilität. Möge der Flow mit euch sein und bis bald.

Gerrit Keferstein, MD

Gerrit Keferstein is a Medical Doctor specialised in Performance & Functional Medicine. He is most known for his work on the optimisation of recovery and adaptation in elite athletes.

Tags : philosophietheoriepraxisModelleMedizinWissenschaft

Leave a Response